Samstag, 27. März 2010

Gelandet

Nach 40 Tagen und exakt 24 Stunden Reise von Tür zu Tür: zu Hause.

(Und ich dachte kurz, 10 Uhr abends, dann brauch ich jetzt auch nichts ins Blog zu schreiben, denn um 2 Uhr früh in Deutschland liest das ja keiner mehr. Aber das ist ja Deutschland, also mein 10 Uhr, Euer 10 Uhr. Ich fang dann man an, mich wieder umzustellen.)

Freitag, 26. März 2010

40 Tage Buenos Aires [40]



Tag 40, 26. März 2010: Sieh nur, der Mond. Mira, la luna.
Unter dem Obelisken bietet ein Mann einen Blick durchs Teleskop an, einmal ganz nah an den Mond für 2 Pesos.

Heute fliegen wir. Wir haben die hiesige Großmutter nach einem allerletzten Ausflug zum Spielplatz und zur Parrilla verabschiedet, Baby B schläft gerade Siesta und wir haben fast alles gepackt, "der Rest reist oben", viel Handgepäck. Der Rest sind Formalia, die Wohnung besenrein zurückgeben, alle Schlüssel retour, und dann wir selbst. Remis kommt um 5, Freitag Nachmittag im Feierabendverkehr aus Buenos Aires herauszufahren, könnte zeitaufwendig werden.
Und dann? Dann haben wir diesen Tango im Kopf - "Mein geliebtes Buenos Aires, /wenn ich dich wiedersehe werde / wird kein Schmerz noch Vergessen mehr sein."
Aber hoert selbst.

(Wenn der verborgene Link schon wieder nicht geht: http://www.todotango.com/spanish/las_obras/letra.aspx?idletra=223)

Mi Buenos Aires querido
cuando yo te vuelva a ver,
no habrá más pena ni olvido.

El farolito de la calle en que nací
fue el centinela de mis promesas de amor,
bajo su quieta lucecita yo la vi
a mi pebeta, luminosa como un sol.
Hoy que la suerte quiere que te vuelva a ver,
ciudad porteña de mi único querer,
y oigo la queja
de un bandoneón,
dentro del pecho pide rienda el corazón.

Mi Buenos Aires
tierra florida
donde mi vida
terminaré.
Bajo tu amparo
no hay desengaños,
vuelan los años,
se olvida el dolor.
En caravana
los recuerdos pasan,
con una estela
dulce de emoción.
Quiero que sepas
que al evocarte,
se van las penas
de mi corazón.

La ventanita de mi calle de arrabal.
donde sonríe una muchachita en flor,
quiero de nuevo yo volver a contemplar
aquellos ojos que acarician al mirar.
En la cortada más maleva una canción
dice su ruego de coraje y de pasión,
una promesa
y un suspirar,
borró una lágrima de pena aquel cantar.

Mi Buenos Aires querido,
cuando yo te vuelva a ver,
no habrá más pena ni olvido.

(Le Pera / Gardel)

"... ein Versprechen / und ein Seufzer / es löschte eine Träne des Schmerzes dieser Gesang."

Zu tragisch?
Dann nehmen wir das gleiche Motiv, aber modern - der Titelsong der beliebtesten Telenovela des Jahres, "Valientes", heißt "Volver", und er wird im Radio rauf und runter gespielt. Eine echte
Latin-Pop-Schnulze.

Aber bevor wir hierher zurückkommen, kommen wir erst nach Deutschland zurück. Ich wünsch uns eine gute Reise und bis morgen!

Donnerstag, 25. März 2010

40 Tage Buenos Aires [39]


Tag 39, Donnerstag, 25. März 2010: Abendlicht über der Avenid El Libertador, Palermo.
(Foto von vorgestern, was sich da nicht hochladen ließ.)

Man ahnt es bei der laufenden Ziffer 39 von 40, was heute vor allem Tagesprogramm war: Abschied nehmen, Teil 1-3.
Am Morgen haben wir noch ein paar Dinge erledigt, jede Menge Yerba für Mate gekauft, Mate cocido und Alfajores, also Lebensmittel, die man (anders als Choripan) gut mitnehmen kann, aber schlecht bekommt in Europa. Während der Siesta habe ich schon mal mit Packen angefangen, gut dass wir für sowas wie sechs Kilo Yerba, die Bücher und Schuhe eine leere Tasche mitgenommen hatten. Dann Abschied Teil 1: Wir gehen zur Tante, kaufen auf dem Weg Facturas (ich mag Medilunas, finde die meisten anderen aber, unter uns gesagt, relativ austausch- und letztlich verzichtbar) und trinken dann bei der Tante Mate. Da der Sohn die Nacht krank war, trinkt er aus einem eigenen Mate, Onkel und Tante trinken keinen, die Tante aber einen Tee mit Milch, die Abuelita isst Obst. Keine ganz korrekte Mate-Runde also, aber halbwegs gesellig ist es trotzdem. Am Ende schalten sie noch den verschobenen SUPERCLASICO ein, das Fußballspiel der beiden Top-Clubs, die eine innige Feindschaft pflegen, Boca Juniors (blau-gelb) und River (weiß-rot). Eigentlich ist Donnerstag kein Fußballtag, aber die Partie ist am Sonntag wegen heftigen Regens (der gleiche, der meinen Ausflug aufs Land ins Wasser fallen ließ) abgebrochen und auf heute verlegt worden. Boca hat, das in aller Kürze, 2:0 gewonnen, mit beiden Toren durch den Chilenen Medel, und River sah wohl nicht gut aus.
Bester Spieler sei aber nicht Medel gewesen, sondern Riquelme - der Ex-Nationlteam-Riquelme, der mit Maradona nicht zurecht kommt und jener nicht mit ihm, und wegen deren Differenzen - vorsichtig ausgedrückt - Riquelme nicht mehr in der Selección spielt und Maradona nicht mehr in der Bombonera aufgetaucht ist. Heute war Mardona beim Spiel seines Vereins, und die Fans haben nach Riquelmes Vorlage zum 1:0 in Sprechchören die Wiederaufnahme des alten Spielmachers in die Nationalmannschaft gefordert. Aber das scheint, wenn man den Zeitungen glauben darf, trotz Diegos anerkennender Worte zu Riquelmes Leistung, ein abgeschlossenes Kapitel zu sein.
Maradona, die schillernde Figur, ist nicht allzu wohl gelitten. Natürlich hat er weiterhin seine hysterischen Fans, aber die meisten Leute, die ich kenne, haben seine Arbeit zunächst mit Skepsis, dann mit Entsetzen verfolgt. "Trainingsmethode von Diego?", fragte einer, "alle folgen der weißen Linie!", natürlich eine Anspielung auf seine Kokain-Abhängigkeit - und die fehlende "Linie" im Spiel. Argentinien hat sich furchtbar durch die Qualifikation zur WM gezittert, allerdings hat Diego wieder etwas Popularität gewonnen, als er nach dem letzten Sieg, der das extrem knapp erreichte Ticket nach Südafrika bedeutete, die vorher schimpfenden und (zu Recht) Bedenken tragenden Journalisten mit einem sehr obszönen Spruch abkanzelte, "que la sigan chupando", das gibt es mittlerweile natürlich auch auf T-Shirts. Weiter stieg die offizielle Stimmung nach dem Sieg gegen Deutschland kürzlich, aber doch bleibt die WM-Euphorie exrtem verhalten, ernsthafte Hoffnungen macht sich wohl kaum jemand, wohl aber Sorgen um eine Blamage mit Maradona.
Durch den Sieg von Boca ist aber zumindest der heutige Tag gerettet.
Abschied, Teil 2: Noch einmal unser Spielplatz. B. klettert inzwischen alleine die Treppe zur Rutsche hoch, läuft immer noch an der Hand, das aber auch über Hängebrücken, schaukelt nach wie vor begeistert und spielt im Sand, versuchsweise auch mit anderen Kindern. Ein schöner Spielplatz, halbwegs zu Fuß erreichbar, das wird uns fehlen, auch wenn wir viele kleine und dann einen tollen großen etwas weiter weg auch zu Hause haben. Vielleicht aber nicht ganz das zuverlässige Wetter.
Abschied, Teil 3: Am Abend kommen die Freunde H. und J. mit Töchterchen E., zum Resteessen. Gemüsematsch (allerdings leckerer, Süßkartoffeln, Kürbi, Möhren, Mais zusammen in Brühe gekocht, Frühlingszwiebeln angebraten, Ricotta untergehoben) ist nun eigentlich wirklich kein Gäste-Essen, auch mit kleinen Kindern nicht, die frischen Ravioli danach schon eher. Trotzdem, keine echte Abend-Einladung, dabei hat klein E. extra ihre Holzkette samt Armband angelegt. Zum Nachtisch hole ich Eis von unten. Das lose Eis in Buenos Aires ist ziemlich gut. Man kauft es in den Eisdielen nach Größe des Behältnisses gestaffelt, immer zwei Sorten, aber entweder ein kleines pappiges Hörnchen, ein größeres, ein richtiges Hörnchen, eine flache Waffel, oder ein Schokohörnchen, alles zu unterschiedlichen Preisen mit variierenden Eismengen. Die beiden Sorten werden dann mit einem Spatel zu einem spitzen Berg geformt, manchmal gibt es noch etwas wie Schokostreusel drauf, und dann schmilzt das Eis blitzschnell. Eis kaufen geht wie fast alles im Einzelhandel in mehreren Schritten, einer hinter der Theke kassiert - beim Eis zuerst -, einer bedient. In der Bäckerei muss man erst eine Nummer ziehen, kommt dann mit der Nummer an den Tresen, wird von einer von 2 bis 3 Mädchen bedient, bekommt das Brot in einer Tüte in die Hand und den Preis gesagt, und den sagt man dann vorne bei einer weiteren Person, die nur kassiert, und zahlt. Die Prozedur beim Eis wird auch eingehalten, wenn ausnahmsweise nur einer bedient. Ich habe am Puerto Madero ein Eis bestellt, nur der eine Verkäufer und ich waren da. Zuerst habe ich an der Kasse ein normales Hörnchen bestellt und bezahlt, er hat meinen Bon gestempelt und ihn mir gegeben, dann sind wir zwei Schritte nach links gegangen, er hat den gestempelten Bon, Beleg, dass ich das Eis bezahlt habe, das ich nun verlange, wieder an sich genommen und ich habe bei ihm nochmal ein normales Hörnchen bestellt, mit den beiden Sorten Schokolade mit Mandeln und Zitrone. Sehr zu empfehlen ist auch Sambayón, Zabaione. Nicht mein Fall, aber in vielen Abstufungen vertreten und sehr beliebt, ist Dulce-de-leche-Eis. Einfach, doppelt, mit Splittern, mit diesem, mit jenem, und alle Varianten sehr süß.
Was man außer Waffeln noch kaufen kann, sind Behälter mit 1/4, 1/2, 3/4 oder einem ganzen Kilo Eis. Dann kann man 4 oder 5 Geschmacksrichtungen auswählen, die nebeneinder in einen großen Styroportopf mit Deckel kommen, das große Familieneis zum Mitnehmen. Das habe ich uns heute Abend auch gekauft, mit 5 Sorten war für uns alle was dabei, für die Argentinier auch Dulce de leche granizado. Es ist natürlich teurer als ein Liter industrielles Eis aus dem Supermarkt, aber auch viel leckerer - und viel schöner.
Die Kinder haben sich gegenseitig mit Zitroneneis gefüttert und sind dann, sehr südländisch, gegen elf Uhr fast ohnmächtig vor Müdigkeit, aber protestierend, eingeschlafen. Wir haben dann noch Geschenke und Briefe für ihre Lieben in Deutschland entgegengenommen, wer über den Atlantik reist, muss immer ein bisschen Yerba mitbringen, oder eine bestimmte Zeitung, Süßigkeiten, Fotos.
Nun sind unsere Freunde weg, das Eis leer und eine weitere Tasche gepackt. Morgen kommt Teil 4 des Abschieds, die hiesige Oma, oh weh. Morgen Abend fliegen wir dann - ich werde aber noch etwas für Tag 40 schreiben und zu Hause dann noch mindestens zwei Foto-Serien bloggen, die sich die letzten Tage nicht laden ließen. Wenigstens die Tango-Serie und die Arbeit-auf-der-Straße-Bilder versuche ich dann noch zu zeigen.
Abschiedsworte gibt es dann morgen an dieser Stelle, nun mache ich nur den Ventilator aus und gehe noch einmal schlafen in Buenos Aires.

Mittwoch, 24. März 2010

40 Tage Buenos Aires [38]

Tag 38, 24. März 2010: Demonstrationen zur Erinnerung an die Militärdiktatur, die heute vor 34 Jahren mit einem Putsch begann. Angehörige von Verschwundenen tragen ein mehrere hundert Meter langes Transparent mit Bildern, Namen und Daten des Verschwindens der Opfer der Diktatur. Avenida de Mayo, auf dem Weg zur Plaza de Mayo.

Den 24. März habe ich schon einmal in Argentinien erlebt, 2001, als sich der Militärputsch zum 25. Mal jährte. In die Manifestationen auf der Plaza de Mayo war ich damals zufällig geraten, bin dann ins Wohnheim geeilt und habe mehr Filme geholt und mein Diktiergerät und den Nachmittag auf der Plaza verbracht. Im Zentrum standen vor neun Jahren sehr deutlich die Mütter und die Kinder der Verschwundenen, ich hatte ständig Gänsehaut, als alle gemeinsam die Internationale sangen zum Beispiel, vor allem aber wenn jemand "30.000" rief und der ganze Platz geschlossen "presentes!" brüllte, "anwesend". 30.000, das ist die Zahl der Verschwundenen der Militärdiktatur, Opfer, die gefoltert und umgebracht wurden, ohne das irgendjemand davon Nachricht erhalten hätte. Viele der Leichen sind nie aufgetaucht, manchmal gibt es Zufallsfunde wie beim Umbau einer innerstädtischen Autobahn, wo an den Stützpfosten einer Brücke einige Leichen gefunden wurden, manchmal gibt es noch späte Hinweise auf Verstecke. Viele andere werden nie gefunden werden können, vor allem bei denjenigen, die betäubt aus Flugzeugen über dem Río de Plata geworfen wurden, gibt es keine Hoffnung auf Spuren. Doch möchten die Familien zumindest das wissen, was ist geschehen, wo ist ihr Kind, ihr Mann, ihre Mutter geblieben.
Dieses Jahr im Prinzip das gleiche. Dieses Mal weiß ich aber bescheid und gehe gezielt und mit vollem Akku zu den Sammelpunkten auf der 9 de Julio, unterhalte mich zunächst länger mit einem jungen Mann, der an der politischen Kultur in Deutschland interessiert ist und wie uns die Krise getroffen hat, und lasse mich dann ein bisschen in die Av. de Mayo hineinziehen. Wie auch damals sind außer den Angehörigen-Gruppen auch zahllose andere politische Aktivisten da, die Evita-Jugend, die Jungen Peronisten, die Jungen Gewerkschafter, die Arbeiterpartei, Homosexuellen-Gruppierungen, die "Hemdlosen", Organistationen zum Schutz von Kindern in bestimmten Stadtteilen, alle möglichen Fakultäten aller möglichen Universitäten, Linke Lastwagenfahrer, Arbeiterorganisation der Müllabfuhr, Unterstützer des Kirchner-Regimes, Tupac Amaru - es sind alle da. Auf der Av. de Mayo formiert sich ein Zug aus hunderten von Angehörigen von Verschwundenen, die gemeinsam ein schier endloses Transparent tragen mit den Fotos, Namen und Verschwinde-Daten ihrer Familienangehörigen. Ich frage eine Frau, neben der ich immer wieder lande, ob sie auch direkt bei ihren Verwandten gehe, nein, ihr Mann ist ein Verschwunder, Juan, aber sie habe ihn auf dem langen Plakat und bei den vielen Menschen nicht gefunden, also geht sie irgendwo - ich soll die Augen offen halten. Die Kinder der Toten haben heute oft das Alter dieser auf ihren Fotos, und bei einzelnen Trägern ist die Ähnlichkeit mit den Abgebildeten frappierend, das sind wieder Gänsehautmomente. Ansonsten sind es dieses Jahr fast zu viele verschiedene Gruppen, viele haben eigene Trommelgruppen dabei, andere Lastwagen mit Lautsprechern, und wenn mehrere Gruppen in unmittelbarer Nachbarschaft ihre Slogans brüllen und trommeln, ist es einfach nur noch laut - von der Botschaft hört man wenig. Es werden auch die "Klassiker" gesungen, und auch dieses Mal schallt oft das "30.000" - "presentes" durch die Menge, aber meist irgendwo inmitten des Tumultes aus anderen Gesängen. Und protestiert wird gegen alles mögliche, von vielen Gruppen gegen die Bezahlung der Auslandsschulden.
Neben den Angehörigen, die das Transparent tragen, sind auch die Organisationen der Mütter da, an die komme ich dieses Mal aber nicht heran, die Bühne ist zu weit weg (letztes Mal haben sie mich für eine Journalistin gehalten und hinter und auf die Bühne gelassen), und einzelne Demonstranten in der Menge halten Schilder mit den Fotos ihrer Angehörigen hoch oder haben deren Bild mit Daten um den Hals hängen oder auf ein T-Shirt gedruckt. "Alles hängt irgendwie mit allem zusammen", kommentiert eine der Frauen am Transparent den Protest einer Arbeitergruppe, aber vor allem bin ich doch ihretwegen da, wegen der Verschwundenen und ihren tapferen, kämpfenden Familien.
Eigentlich soll es ab 17 Uhr ein Konzert geben (auch das heiß diskutiert - Musik und Vergnügen an so einem Tag, es gäbe doch nichts zu feiern, auch wenn es politisch engagierte Musiker seien), im Höllenlärm der Trommelgruppen - außer den Trommlern sind die Arbeiterpartei, die Militante Arbeiterpartei und die Studierendengruppen besonders laut und gut mit Lautsprechern ausgerüstet - bekomme ich den Beginn aber nicht mit, später in der Nähe der Bühne stehe ich genau zwischen den Blöcken und höre eine mäßige Tangosängerin zwischen den skandierten Slogans der Piqueteros und dem "Wer jetzt nicht hüpft, ist Kapitalist" der Studenten. Eigentlich wollte ich gerne Victor Heredia hören, einer der ganz Großen, aber das Vorhaben gebe ich irgendwann auf.
Es ist unglaublich voll, von 50.000 Menschen vor der Casa Rosada ist die Rede, dabei ziehen die meisten im Protestzug auf die Plaza und hinter der Kathedrale wieder herunter, nur die "losen" Protestanten bleiben auf dem Platz. Da ist zum Teil auch Volksfeststimmung, es werden Hamburger gebraten und es riecht nach Hasch. Wir haben weiße Papierherzen bekommen, die wir uns um die Handgelenke oder den Hals binden, andere dieser Herzen hängen in langen Ketten an den Laternen, die genaue Bedeutung kenne ich nicht, manche beschriften sie mit Namen, andere mit Slogans.
Leider bin ich ja hier nicht zu einem Fußballspiel gegangen, aber einen Teil des Fanblockgefühls hole ich auf der Plaza nach. Es ist eng, es wird gedrängelt, und ich habe die besondere Begabung, immer genau da zu stehen, wo sich ummittelbar danach ein Durchschlupf bildet, Schneise wäre zuviel gesagt, jedenfalls stehe ich immer dort, wo dann plötzlich ganz viele Leute durchwollen. Dann kommt eine hüpfende und Fahnen schwenkende Gruppe vorbei, die Gesänge sind zum Teil ebenfalls die gleichen wie beim Fußball, nur mit anderen Texten, auch heute sangen wir "Olé olé olá..." - nur dass es dieses Mal weiterging mit "es wird euch wie den Nazis gehen, wir werden euch verfolgen und eines Tages seid ihr dran..." Als dieses Lied mit dem Nazivergleich von recht vielen Demonstranten gleichzeitig und Fäuste schwingend gesungen wird, fragt neben mir eine junge Asiatin einen Mann, der ein Plakat trägt, ob das eigentlich die Nationalhymne sei. Nicht ganz, aber bekannt sei es schon. Einige Gruppen der Arbeiterpartei kommen schließlich mit Bengalenfeuern und Raketen, insgesamt ist es den Bildern aus den Stadien nicht unähnlich. Nur sind wir heute nicht zwei Gruppen mit ihren je eigenen Gesängen, sondern hunderte, und bei so vielen Anliegen gleichzeitig gehen die einzelnen fast unter - hören oder verstehen kann man die einzelnen Texte jedenfalls nicht mehr. Nach sechs Stunden spreche ich noch einmal mit einem Sohn von einem Verschwundenen, der ein Foto um den Hals trägt, das ebensogut eines von ihm selbst sein könnte. Die Ähnlichkeit ist verblüffend, als wäre es er, nur in schwarz-weiß; seine Mutter und Schwester haben das gleiche Bild vor der Brust. Ich bitte ihn um ein Foto, was ich gerne machen darf, und frage nach dem Mann auf dem Bild. Er stellt sich und seinen Vater vor, und zusammen mit dem Namen des Vaters - Florencio - nennt er das Datum seines Verschwindens, 14. April 1976. Diese Daten gehören untrennbar zu diesen Menschen, und ihre Angehörigen fordern auch nach 34 Jahren noch, etwas über deren Todesumstände zu erfahren - und dass endlich den Tätern der Prozess gemacht werde, "Memoria y justicia."

Edit:
Eine kleine Auswahl meiner Fotos von heute gibt es hier bei Flickr.

Dienstag, 23. März 2010

40 Tage Buenos Aires [37]


Tag 37, Dienstag, 23. März 2010: Los Lagos de Palermo mit Tretbooten und Brücke zum Rosengarten.

Den Nachmittag verbringen wir in einem der Erholungsgebiete der Stadt, zunächst im Japanischen Garten und dann in direkter Nachbarschaft dazu an einem der Lagos de Palermo, ein See im Viertel Palermo. Um die Seen von Palermo herum sind Parks und waldähnliche Anlagen, und das Grün wird für allem für Sport genutzt, zahllose Jogger, Skater, Radfahrer kurven über rote Wege zwischen hohen Bäumen, Palmen, Araucanias und Platanten, und an den Ufern entlang. Um den See herum, der dem Zoo nahe liegt, ist eine stillgelegte Straße, für die Schilder regeln, in welcher Richtung Radfahrer und Jogger jeweils zu zirkulieren haben. Am Straßenrand ein ambulanter Inliner-Verleih, ein Fahrradverleih, zur anderen Seite hin ein Tretboot- und Ruderbootverleih. Außerdem Eisbuden und Kioske, auf einem geraden Stück spielen ein paar junge Leute Rollschuhhockey, am Ufer trinken sie Mate oder angeln. Auf der Wiese grasen Gänse. Wir haben uns etwas lange im Japanischen Garten aufgehalten und dort den schlechtesten Kaffee der Stadt getrunken, als wir am See sind, wird dort schon der Rosengarten geschlossen.


Am Abend gehe ich (endlich mal wieder oder schon wieder) aus, ich habe beim Theater "Presidente" um die Ecke ein Konzertplakat gesehen und auf einen Gesangsabend getippt. Sechs junge Frauen ohne Instrumente auf einem Balkon. Der Name hätte mir aber mehr verraten können, "De Rojo Carmesí" ist ein Zitat aus einem Tango, und tatsächlich sind die sechs ein junges Tango-Orchester. Sie sind gut, sie sind jung und nett anzusehen in ihren gleichen Kleidern und jede mit einer roten Blüten an anderer Stelle, sie sind professionelle Musiker, aber sie haben noch keine abgenutzte Routine. Das Orchester besteht aus zwei Geigen, Cello, Kontrabass, Klavier und Bandoneon, das Theater ist eine schlichte schwarze Schuhschachtel und die Bühne ohne jeden Tango-Schnickschnack, außer den Musikerinnen und ihren Instrumenten, Notenständern und Stühlen nur noch die Technik, Lautsprecher, Lampen und Kabel.
Bei zwei Stücken holen sie einen guten Sänger dazu, bei zwei anderen ein Showtanzpaar. Dieses Tangopaar ist albernerweise eines, was ich von einem Workshop aus Göttingen kenne (Ruth und Andreas), die Welt ist ein Taschentuch, wie man hier sagt, und Taschentücher sind noch deutlich kleiner als Dörfer.
Dsa Schlussstück ist "Yumba", dafür holen sie noch mehr Streicher und gleich zwei weitere Bandoneonisten auf dei Bühne, für den nötigen Wumms.
Tango liegt ja irgendwo zwischen Klassik, Jazz und Folklore. Die sechs Frauen orientieren sich zu Beginn des Abends eher an Klassik, dann spielen sie sich frei und rutschen ins Jazzigere, sehr schön. An den Ansagen merkt man, dass sie bei aller musikalischen Professionalität noch relativ neu auf der Bühne sind, sie verhaspeln sich in den Texten oder fangen an zu lachen, das ist aber sehr nett und familiär - überhaupt überträgt sich die Nervosität und der Stolz der offenbar im Publikum anwesenden Familien. Vor "Yumba" bauen sie etwas um, und vergessen dabei wohl, dass sie alle offene Mikrophone haben. Es gibt zwischen den Geigen etwas Gedrängel und Unklarheiten, wer wo zu stehen hat, und die eine zarte Erscheinung mit langem Haar und Violine in der Hand schimpft lachend "Pero ustedes son una porquería", "aber ihr seid ja wohl eine Schweinerei", vielleicht eher "ein blöder Sauhaufen". Ich weiß nicht ob sie realisiert hat, dass der ganze Saal darum lachte, weil dieser Kommentar über die Lautsprecher glasklar übertragen wurde.
Danach habe ich noch einen Rotwein getrunken und etwas gelesen. Morgen ist Feiertag und ich will nochmal den Museumsbesuch angehen, auch wenn ich inzwischen gelernt habe, dass das mit den Plänen nicht zu ernsthaft zu betreiben ist
.

(Platzhalter Foto Bandoneon und Kontrabass. Grmpf.)

Montag, 22. März 2010

40 Tage Buenos Aires [36]


Tag 36, 22. März 2010. Junge Ärztin feiert ihr bestandenes Examen auf der Straße vor dem Krankenhaus, Ecke Av. Rodríguez Peña / Lavalle.

Initiationsrituale sind eine merkwürdige Sache, aber man kann sich das Prinzip ja erklären, der Neuling muss durch schwere Prüfungen, muss sich durch Scham an die neue Gruppe binden und mit Mutproben beweisen, dass er ihrer würdig ist. Und vielleicht kann man die Rituale, die einen Lebensabschnitt beenden, ja genauso verstehen, ist das Ende doch wiederum ein Anfang. Zu dem Verdoktorungsritual, das ich selbst mitgemacht habe, gehörte ebenfalls ein Moment des Zurschaustellens, eine leichte Form des Spotts, wenn der neue Doktor im Bollerwagen hockend durch die Stadt gezogen wird. Das Küssen der Figur auf dem zentralen Brunnen dann leitet sich wohl daraus ab, dass der ehrenwerte Akademiker, kaum in den höheren Stand gehoben, gleich mit einem Gesetz brechen soll, wohl um die neue Würde nicht allzu ernst zu nehmen. Das Erklimmen des Brunnens ist letztlich ganz aufregend und der Moment des Kusses ein besonderer. Man steht hoch über den applaudierenden Freunden, Verwandten und Kollegen samt Prüfern und drückt einer Metallfigur einen Kuss auf, vielleicht albern, aber dann erst zählt es wirklich, doch, das war unabhängig von den möglichen Ursprüngen des komischen Brauchs tatsächlich erhebend.
Hier wird das Ende des Studiums mit Ritualen begangen, die an Initiationsriten erinnern. Ich weiß von jungen argentinischen Ärzten, die nackt an Laternen auf der Hauptstraße gefesselt wurden, vor allem werden die jungen Akademiker allesamt nach der letzten Prüfung auf der Straße mit Ei und Mehl und anderen farbigen und klebrigen Lebensmittel beschmiert. Die erfolgreichen Absolventen der Universitäten erkennt man also daran, dass ihnen Ei aus den Haaren tropft und sie über und über mit Mehlkleister, Senf und Tomatensoße bedeckt sind. Sie werden direkt vor den Toren ihrer Institute von Kommilitonen und anderen Freunden solcherart geteert und gefedert und verbringen den restlichen Tag in diesem Aufzug. Bei der jungen Ärztin oben haben sie gerade erst angefangen, noch ginge das vielleicht als kleiner Küchenunfall durch, doch die Umstehenden waren mit Eiern und mehr Senf bewaffnet. Warum mit Lebensmitteln? Eine Theorie besagt, dass Ei und Mehl besonders gut kleben und nach einer Weile streng riechen, der Effekt also von Dauer ist. Die Eier-Mehl-Kruste scheint mir ja auch den Ausdruck "frisch gebacken" zu versinnbildlichen, aber das ist natürlich eine Kurzschlussübersetzung aus dem Deutschen.

Heute Nachmittag war ich nach dem Spielplatz trotz der wenigen Tangos, die ich hier getanzt habe, neue Tangoschuhe kaufen. Meine alten Schuhe sind immer noch meine allerersten Tanzschuhe und sie werden nach 10 Jahren vor allem von gutem Willen zusammengehalten, und vielleicht ergibt sich ja doch nochmal die Gelegenheit, wieder länger Tango zu tanzen.
Ich habe - surprise - sehr lange gebraucht, um mich zu entscheiden, es aber noch vor Ladenschluss geschafft. Die Tangoleserinnen, von denen ich inzwischen weiß, werden nun eines wollen: Fotos! Leider lässt mich auf den letzten Metern dieser Reise die Technik im Stich, ich habe es zwar endlich geschafft, eines der beiden Bilder von gestern und die Absolventin oben hochzuladen, das zweite Foto will sich aber wieder nicht einstellen lassen. Die Fehlermeldung behauptet, es sei ein Serverproblem. Ich versuche es weiter und reiche Bilder nach, wollte sowieso noch eine Tangoserie posten.
Es gibt mit dem Tangoboom nicht wenig spezielle Tangoschuhgeschäfte, die besten scheinen aber sehr diskret zu sein. Für Percanto haben wir ja schon ganz zu Anfang im Laden Tango Brujo Trainingsschuhe gekauft, und dieser Laden verbarg sich in einer Privatwohnung im 10. Stock eines normalen Wohnhauses, kein Schild verriet draußen etwas von seiner Existenz. Heute fiel die Wahl auf den auf Damentangoschuhe spezialisierten Laden Comme il faut. (Link führt zu einem spärlichen Foto vom Innenraum und einem von der Passage.) Ein bisschen leichter als der erste Laden war er zu finden, denn in der Passage hing am 1. Stock ein kleines Hinweisschild mit nichts weiter als dem Namen. Der Laden besteht aus einem kleinen Raum, rechts geht es auf einen Balkon und in einen weiteren Raum, der Raum ist das Lager und auch auf dem Balkon stapeln sich die schlicht weißen Schuhkartons.
Das Parkett des Verkaufsraums ist mit einem quadratischen grauen Teppich fast vollständig abgedeckt, die probierenden Damen müssen auf dem Teppich bleiben und dürfen nicht aufs Parkett stöckeln. In U-Form stehen drei niedrige schwarze Bänke mit goldenen Beinchen im Rokoko-Schwung, an der vierten Seite ein großer Spiegel mit Goldrahmen. Der Raum ist voll, obwohl sich die meisten schneller entscheiden als ich, sind heute Nachmittag ständig vier bis zu zehn Frauen da, die Schuhe probieren, dazu Männer, die an der Wand neben der Eingangstür stehen und mehr oder weniger qualifizierte Kommentare abgeben, sowie die Verkäuferinnen, die uns betreuen. Alles ist wunderbar dekorativ und ein ziemliches Spektakel, leider hängen überall "Foto verboten"-Schilder, auf die ein begleitender Herr mit Canon um den Hals auch nachdrücklich hingewiesen wird. Auch mit dem Versprechen, damit Werbung zu posten, darf ich keine Bilder amachen, schade. Das Schuhekaufen selbst läuft wie folgt ab: Was man sucht, braucht man nicht zu erklären, es gibt ja nur Tangoschuhe. Ich werde nach meiner Schuhgröße gefragt, 39 oder 40, bekomme einen Platz auf der mittleren Bank zugewiesen und mir werden zwei Schuhe gebracht, um die Größe festzustellen. Welches Modell ist erst einmal egal, und ich kann sowieso nicht auf eines zeigen, was mir gefiele: Es sind überhaupt keine Schuhe ausgestellt, sie befinden sich alle entweder an den Füßen oder um die probierenden Kundinnen herum oder in Kartons nebenan. Es gibt kein Schaufenster, keine Regale, keine Ausstellung. Ich ziehe ein rot-schwarzes Paar in 39 an, die Verkäuferin findet es zu groß, nimmt das Paar in 40 gleich wieder mit und bringt mir 38. Ich wundere mich, 38 habe ich nun wirklich nie, aber probiere das nächste Beispielpaar in 38, blau-gold. Besser, stimmt. Ich stehe und gucke auf meine Zehen, die Inhaberin des Ladens wirft einen kritischen Blick auf meine Füße und ordert 37. Das ist albern, ich hatte mal 40/41 und inzwischen 39/40, aber 37? Doch ich spiele mit und bekomme sie an den Fuß, finde ihn aber zu eng und der Mittelzeh steht über, wenn ich das Gewicht auf das Bein lege. Die Inhaberin tendiert zu 37, ist aber auch mit 38 einverstanden. Dann kann es losgehen, Modelle in 38. Die Verkäuferin fragt auch weiterhin nicht nach meinen Vorstellungen, sondern kommt mit einem Stapel Kartons, öffnet einen nach dem anderen, zeigt und lässt mich probieren. Den rosa Schuh mit Rüsche und Schleife lasse ich ebenso unprobiert zurückgehen wie den mit dem Kilo Goldglitzer am Absatz, auch den orangefarbenen Lackschuh mit lila Riemen lasse ich aus. Ansonsten probier ich fast alles an, am liebsten mag ich ja immer schon die Tangoschuhe mit Mittelriemen oder gekreuzten Riemen, davon sind nicht viele dabei. Nach einer langen, langen Probierphase, in der ich auch mal auf einen Schuh einer anderen Kundin zeige - den? "Den gibts nur in 39" - oder die anderen kkundigen Kundinnen klar Ablehnung oder Zustimmung formulieren - bei dem hier steht das eigentlich kaum vorhandene Überbein raus, der ist toll, der rote verlängert Dein Bein, der silber-blaue ist wunderschön, aber hast Du blaue Tangokleider? Der schwarze mit der echten Schleife verkürzt optisch, der blau-glitzernde ist mir selbst zu sehr Rummel, beim Lack-und-Silber-Schuh macht Percanto Halsabschneidegesten. Ich sortiere alle aus, die hinten offen sind, dafür sind meine Füße nicht gemacht, und alles was Pink oder Lila ist. Am Ende hab ich nur je einen mit gekreuzten Riemchen (rot-schwarz, normale Sandalenform, schwarzer Absatz mit rotem Ende) oder Mittelriemen (schwarz-gold), aber auch diese beiden werden es letztlich nicht, der mit den Kreuzriemen bietet nicht genug Halt für einen Tanzschuh und der andere fällt beim Publikum durch. Eine Venezolanerin probiert vor allem die Farben, die ich gleich aussortiere, und kauft schließlich gleich sieben Paar; eine ältere Argentinierin verlangt ein "schönes Paar", weil sie morgen gefilmt wird; zwei Deutsche sind gemeinsam da, aber nur die eine probiert Schuhe, weil die andere bereits woanders Tangeschuhe gekauft hat, worüber sie sich nun ärgert; die graumelierte Argentinierin neben mir greift sich über die Ordnung der Verkäuferinnen hinweg immer meine Schuhe, findet dann aber die Absätze für ihr Alter zu hoch, "für Dich sind die toll, aber ich fall damit einmal hin und steh nie wieder auf", lacht sie, ist jedoch offenbar eine sehr geübte Tänzerin; eine ganz in schwarz gekleidete Asiatin dreht sich wortlos auf metallfarbenen Absätzen vor dem Spiegel.
Schließlich verlasse ich den Laden mit zwei Paaren, beide sind vorne offen und aus Wildleder, der eine recht schlicht schwarz mit kupferfarbenen (huch! Kupfer! Sieht aber erstaunlich gut aus, und erstaunlich unauffällig) Riemen und Absatz, der andere ein klischeehafter Tangoschuh, schwarze Basis mit rotgeschwungenen Rändern und Riemen, der Absatz rot. Die Absätze sind sicher 2cm höher als die meiner alten Tangoschuhe, deren Absatz ich eigentlich immer für 7cm gehalten habe. Außerdem sind es Bleistiftabsätze statt des alten Barockabsatzes. Ich stehe sehr hoch auf wenig Grund. Vor der Tür fühle ich mich in meinen normalen flachen Straßensandalen klein und, trotz nettem Kleid, unelegant. Kleider machen Leute, Schuhe machen Tänzer.

40 Tage Buenos Aires [35]



Tag 35, Sonntag, 21. März 2010: Herbstanfang und Tagesende, Blick aus E.s Kinderzimmerfenster Richtung Villa Crespo.

"Morgen fahre ich aufs Land", schloss ich gestern, und das Land hieß San Antonio de Areco, eine Kleinstadt im Norden der Provinz Buenos Aires, 112 km von der Hauptstadt entfernt und attraktiv wegen der traditionellen Bauweise aus der Postkolonialzeit und den noch gepflegten Gebräuchen des Landlebens. Heute würde ich Gauchos sehen, Pferde, bestimmt auch eine Parrilla, auf der halbe Ziegen gebraten werden, einen Fluss und und eben Land. Ein bisschen hab ich mich schon auf schöne Bilder von Gauchos mit Hut und Folklorepaspeln an der Hose, von Pferden und Mate im Schatten gefreut. Aber, wie ich ebenfalls gestern sagte, ist das Pläneschmieden manchmal für die Katz. H. und J. haben heute früh vor der Abfahrt noch die Wettervorhersage konsultiert, und die sagte zum heutigen Herbstanfang Regen und Gewitter in der Provinz voraus. Noch während wir telefonierten, um uns darüber abzustimmen, wie ernst wir das nehmen, donnerte es auch hier im Zentrum. Ob es regnet, kann ich oft schlecht hören, weil in meinem Innenhof auch die Klimaanlagen der riesigen Wohnblocks rauschen und tropfen. Der Regen des letzten Monats hat uns vielleicht zu vorsichtig gemacht, dachten wird, aber eine Landpartie im Regen, um nach langer Fahrt mit zwei Kindern die leeren Weiden vom Auto aus anzugucken, oder den Schlamm ("was Du da bei Regen siehst, ist Schlamm, sonst nichts", sagten sie mir), ist weniger romantisch als einfach eine schlechte Idee.
Also haben wir den Ausflug abgeblasen und uns Alternativen mit Indoor-Anteil überlegt. Plan B ist ebenfalls ins Wasser gefallen, die Feria de Mataderos beginnt nämlich dieses Jahr erst im April. Feria de Mataderos ist quasi die städtische Variante des Gaucho-Ausflugs, nämlich ein alter Viehmarkt mit normalen Kram-und-Kruschtständen, aber eben auch noch ländlicher Parrilla mit halber Kuh auf dem Grill, mit Folklore und auch lebenden Tieren im Randviertel Mataderos, wo früher die Schlachthöfe waren und wo, wenn ich das richtig lokalisiere, auch die grausame und viel vom Nationalcharakter reflektierende Erzählung aus den jungen Jahren der Republik spielt, "El matadero" von Esteban Echeverría (1838).
Plan C war dann ein einfacher, wir sind an die Costanera Norte gefahren, den Küstenstreifen am Rio de la Plata, wo am Stadtrand eine ganze Reihe sauberer Spielplätze angelegt wurde. Dort haben wir gebuddelt und gerutscht und den braunen Fluss angeguckt, bis es wie angekündigt heftig zu regnen begann. Die ganze Ecke sah etwas nach Nordsee aus, das schlammige Wasser, der bedeckte Himmel, Schiffe am Horizont, die Möwen - allerdings waren die Möwen gar keine Möwen, sie klangen nur von fern so, aus der Nähe waren es Schwärme kleiner grüner Papageien. Hach, Papageien! Und direkt in der Nachbarschaft der innerstädtische Flughafen, weshalb man bei den landenden Flugzeugen fast die Schrauben der ausgefahrenen Fahrwerke zählen kann.
Mit einsetzendem Regen sind wir dann zu J.s Bruder in die Provinz gefahren und haben am traditionellen Familien-Asado am Sonntag teilgenommen. Die Männer kümmern sich um den Grill, der vor der Küche im noch überdachten Bereich ist, die Frauen bereiten Salate zu (Blattsalat, Tomate und Zwiebel, Möhrensalat) und decken den Tisch. Erst isst man Choripan, das ist aufgeschnitte dicke und kurze Bratwurst auf mitgeröstetem Brot, oder andere Würste, auch Morcilla, Blutwurst von fast flüssiger Konsistenz. Danach kommt das eigentliche Fleisch, Rind vor allem, aber auch etwas Schwein und Hühnerbeine vom Grill, wer möchte. Dazu Rotwein, und drei Generationen plus wir Gäste zusammen an einer langen Tafel. Nach dem Essen Cafecito, dann wurde abgewaschen oder herumgespielt, sich unterhalten, Siesta gehalten, von der Großmutter wurden in Fett gebackene Süßigkeiten zubereitet, später gibt es noch Mate, und zwischendurch geht immer mal jemand an die Fliegengitter der Küchentür und seufzt, dass es immer noch regnet, und wie, und wie gut, dass wir nach San Antonio gefahren sind. Ein perfekter Familien-Regensonntag.

(Hier fehlt immer noch das Foto von der Parrilla)

Samstag, 20. März 2010

40 Tage Buenos Aires [34]

Tag 34, Samstag, 20. März 2010: Rollergirls, Av. Corrientes.

An manchen Tagen läuft fast alles anders als geplant. Da heute die Schwiegermutter da und mit Mann und Kind auf dem Spielplatz war, bin ich alleine losgezogen und war am Puerto Madero zum Fotografieren. Es waren auch gute Motive, halbwegs vernünftiges Licht und Lust vorhanden, es sind auch einige brauchbare Bilder dabei, nur hat bei mir am Ende wie immer Architektur wenig Chance gegen Menschen. Auf dem Weg zum Hafen bin ich in einen aufwendigen Filmdreh geraten; ich hatte schon die Konfetti im Rinnstein fotografiert, als ich merkte, dass die gesamte Avenida Corrientes jenseits der 9 de Julio gesperrt war, ein Kamerakran und riesige Beleuchtungsanlagen schwebten über der Straße. Und auf dem Asphalt etwa 50 gleich (knapp) gekleidete Mädchen mit weißblonden Perücken und silbernen Pompons, die wieder und wieder ordentlich in drei Reihen die Corrientes herunterrollten, den Obelisken im Rücken, ein strahlendes Lächeln im Gesicht und die Pompons in der Luft. Ich hab mich eine Weile mit einem sich wichtig machenden Mitglied des Filmteams geredet, der am Rand herumstand und mich auch in die abgesperrte Zone gelassen hat, "ein Fotograf muss frech sein", meinte er augenzwinkernd, die zentral aufgenommen Bilder finde ich allerdings wie erwartet langweilig. Das Ganze wird ein Werbefilm für die Kaugummimarke Trident, ich soll ihn dann mal im Internet suchen.
Dann ein Hafenrundgang auf den edel hergerichteten Docks - als ich vor neun Jahren hier war, waren im äußersten Teil auf der Höhe von San Telmo noch verfallene Lagerhäuser, das fand ich ja reizvoller, nicht nur für die Fotografenseele. Puerto Madero hatte ich immer für den alten Holzhafen gehalten, von madera = Holz, auch wenn das grammatikalisch noch nie hinkommen konnte, es stimmt auch nicht. Madero war einfach der Name des Architekten, der den Hafen Ende des 19. Jahrhunderts entworfen hat. Kaum war er fertig, wurde allerdings für inzwischen deutlich größere Schiffe ein größerer Hafen gebraucht, und das Vierte verfiel. Seit etwa 20 Jahren wird die Hafengegend nun modernisiert, in den edel renovierten alten Lagerhallen sind teure Restaurants untergebracht, im Hafen angesagte Diskotheken und Yacht-Clubs, dahinter entstehen mal wieder Hochhäuser, hier in der Luxusvariante und voll verspiegelt. La Boca ist der pintoreske Hafen der Armen, Puerto Madero das neue Reichenviertel direkt am Río de la Plata. Sogar das Eis der Kette "Freddo" ist in der Filiale hier noch einen Peso teurer als im schon gut betuchten Viertel Recoleta.
Die Straßen tragen hier alle Frauennamen, eine weiße und etwas pieksig nach oben geschwungene Fußgängerbrücke, die die Richtung Stadt gelegenen Docks mit der Hochhaus-Wohngegend am Fluss verbindet und "Wahrzeichen, Wahrzeichen" zu rufen scheint, heißt auch "puente de la mujer", Fauenbrücke.
Auf dem Rückweg höre ich noch eine Weile Straßenmusikern zu und versuche wieder mal vergeblich, in Chile anzurufen. Schließlich hocke ich eine kleine Ewigkeit auf dem Platz vor dem Justiztpalast auf dem Pflaster und versuche Blattschneideameisen bei der Arbeit zu fotografieren, was aber vor allem eine langwierige und nicht befriedigend endende Auseinandersetzung mit dem Autofokus im Makro-Modus ist. Ich habe nun einige von der Tiefenschärfe her interessante Bilder von den Fliesen auf Plaza Lavalle, sie sehen in Nahaufnahme fast wie das Holocaust-Mahnmahl in Berlin aus. Nach einigen halbwegs erwischten Ameisen gebe ich auf, bevor mir noch die Kamera abhanden kommt; auf dem Platz sind regelrechte Behelfs-Siedlungen aus Planen entstanden, in einigen dieser Zelte wohnen ganze Familien, und einige der Halbobdachlosen beobachten seit einiger Zeit die bekloppte Blonde, die vor dem Baum hockt und den Fußboden fotografiert.
Dann wollen wir nochmal gemeinsam los, im Parque Rivadavia soll ein Tanz-Spektakel stattfinden, das wir uns anschauen möchten. Es soll um 18 Uhr losgehen, als wir um kurz nach sechs aus dem Bus steigen, ist der Park zwar voll und sehr belebt, aber von einer Show keine Spur. Nur vier deutlich übergewichtige Damen in Leggings üben auf einer Rasenfläche in einer Reihe hintereinanderweg Spreizsprünge, das ist als absurdes Tanztheater schon ziemlich gut, aber doch nicht das Angekündigte.
Wir streifen ein bisschen um die antiquarischen Buchstände und fliegenden Händler um den Park herum, fragen nach dem Tanz, aber keiner weiß etwas, anscheinend ist die Show ausgefallen. Dafür gehe ich am Abend noch ins Theater, "Antígonas" von Alberto Muñoz im Kulturzentrum Floreal Gorini gleich um die Ecke. Der Saal ist klein und die Aufführung mäßig besucht, ich habe die vorletzte siebte Reihe ganz für mich allein. Das Stück habe ich etwas zufällig ausgesucht (eigentlich wollte ich in die Oper, aber das würdevolle Teatro Colón wird erst am 25. Mai neu eröffnet, und die Aufführungen von Aida und Turandot in der anderen Oper sind nur Übertragungen aus New York, auf Großleinwand, das hab ich dann doch nicht gemacht), es entpuppt sich als Zwei-Personen-Stück. Zwei Frauen spielen vier mal zwei Frauen in unterschiedlichen Situationen. Leider wird mir zu wenig gespielt und zu viel Dialog gesprochen, es passiert einfach nichts. Zudem steht das Stück für mich schnell unter Esosterik-Verdacht, es geht immer um irgendwas Besonderes in der Wahrnehmung der Frauen, was aber nicht recht benannt werden kann. Bei der dritten Szene gefällt mir die visuelle Umsetzung, die beiden Frauen - in diesem Moment Schwestern - sitzen auf einer Art Wipp-Brett, das sie selbst bewegen und mit Unterstützung von zwei Stöcken als Riemen so ein Ruderboot in den Wellen darstellen. In der vierten Szene mag ich den Text eines Dialogs, in dem eine Patientin und eine Therapeutin gegeneinander rezitieren. Erst unterhalten sie sich über Beipackzettel, die mit Literatur analog gesetzt werden ("der Schluss ist immer der gleiche"), am Ende der Szene sagt die Patientin Beipackzettel auf und die Therapeuting spricht gleichzeitig Gedichte dazu, das wird gut.
Ansonsten muss ich mich aber der Frau der ersten Szene anschließen, die zu einer Schönheitskur will und einer mystisch-religiös-erweckten Behandlung unterzogen wird, Gott sei für die Männer, aber Christus, Christus sei für die Frauen. "Ich will das hier nicht, ich bin für etwas anderes gekommen", jammert sie, und die andere erwidert: "Wir alle sind für etwas anderes gekommen", und dem musste ich zustimmen.

Zum Abschluss noch ein Gegenentwurf zu den Dutzenden bonbonfarbener uniformierter Rollergirls, eine junge Frau auf den Stufen des Justizpalasts "Tribunales".
Und morgen fahre ich aufs Land.


Superhelden gesucht


Und dann war da noch diese Szene am Rande des Parque Rivadavia. Superman, hilf!

Freitag, 19. März 2010

40 Tage Buenos Aires [33]


Tag 33, Freitag, 19. März 2010: Sifones (Soda-Macher) in San Telmo.
(Kein Foto von heute, ausnahmsweise, heute gab es nur eine langweilige Fassade und ein paar Schilder.)

Nachdem wir gestern in einer Touri-Milonga waren, haben wir heute mal was ganz anderes gemacht, uns unters Volk gemischt quasi, um hier nochmal von einer ganz anderen Facette des Lebens in Buenos Aires zu berichten.
Baby B. ist die vorletzte Nacht einmal und letzte Nacht mehrmals mit quietschender Atemnot aufgewacht, fiependes Einatmen, Weinen, Würgen. Außerdem hatte er letzte Nacht Fieber. Meine private Diagnose war Pseudo-Krupp, und ich habe mich entsprechend verhalten, ihn natürlich beruhigt und dann zusammen längere Zeit die Ravioli im Tiefkühlfach bei offener Klappe angeschaut und die kalte Luft eingeatmet, bis er wieder normal Luft bekam. Heute morgen fiepte er wieder beim Atmen, war natürlich unausgeschlafen und heiser, und so sind wir heute zur Abwechslung mal ins Hospital de Niños gefahren, um das abklären zu lassen.
Das Kinderkrankenhaus ist eine Art Poliklinik mit offener Sprechstunde. Es liegt mitten in Palermo, eigentlich gute, beste Lage, wenn ich auch selten so viel Hundekacke in einem einzigen Straßenblock gesehen haben und darum würgend und mit Ekel-Gänsehaut in die Anmeldung kan. Aber um mich ging es nicht. Wir mussten erst am zentralen Schalter eine Nummer ziehen, dann zur Voranmeldung und dort zwei Damen in grünen Hemden schildern, was B hat. Mit einem gestempelten Laufzettel, auf dem sein Alter und Grund unseres Besuchs vermerkt waren, wurden wir dann in die entsprechende Abteilung geschickt, Pabellón L, allgemeine Fälle offenbar.
Dort wimmelte es von Kindern und Eltern, wir mussten wieder eine Nummer ziehen, "67", die elektronische Anzeige stand auf "8", hurra. Es stellte sich aber schnell heraus, dass die Anzeige nicht funkionierte, die jeweilige Ärztin streckte nach jedem Patienten den Kopf aus einem der drei aktiven Sprechzimmer und fragte in die Runde, welche Nummer nun dran sei. Auch wenn das Krankenhaus in einem noch etwas besseren Viertel liegt als unser Lieblingsspielplatz, war das Publikum doch deutlich anders. Der Altersdurchschnitt natürlich ähnlich, aber die mit uns wartenden Mütter waren deutlich weniger blond und ihre Kurven deutlich weniger fitnessstudio-definiert als bei den Spielplatzmamis.
Ich hatte heute andere Dinge zu tun und im Kopf und habe jetzt leider nicht das Gesundheitssystem Argentiniens aufgearbeitet, um es hier kompetent darzustellen, aber die Krankenhäuser teilen sich in Hospitales, Clínicas und Sanatorios, und sie teilen sich in öffentliche und private Krankenhäuser verschiedener Träger. Bei uns zu Hause um die Ecke ist ein Krankenhaus der "Obra Social", das riesige Universitäts-Krankenhaus der medizinischen Fakultät der größten staatlichen Universität ist ebenfalls in unserem Viertel, es gibt französische oder nach Heiligen benannte Kliniken, aber auch die einzelnen Krankenversicherungen unterhalten eigene Kliniken und Notarzt- bzw. Rettungswagen-Systeme. Um die Kliniken herum siedeln sich Fachgeschäfte für Zahnarztstühle, Nahtmaterial, Prothesen oder medizinische Lehrmodelle an, hier in der Nähe gibt eine ganze Reihe "Ortopedias alemanas", deutscher Orthopädie-Geschäfte, eine Art Sanitätshäuser, wenn ich das recht sehe. Das Hospital de Niños ist öffentlich, die Sprechstunde der Guardia (Ambulanz) ist für uns alle kostenfrei, und es hat eigentlich einen guten Ruf. Die Ärztinnen stellen eine (erste) Diagnose und schicken die Patienten weiter, in eine andere Abteilung oder mit einem Rezept in die Apotheke, ob man das Medikament dann selbst bezahlen muss, hängt dann davon ab, ob man eine Versicherung hat und welche. Ich habe auch erst jetzt herausgefunden, wo ich anrufe, wenn tatsächlich ein Notfall eintritt - so etwas wie das "112" habe ich gestern Nacht nicht gefunden, eben auch darum, weil der Bereich so zersplittert ist, dass man zum Beispiel ein konkretes Ambulanz-Unternehmen anrufen kann, wenn man einen Krankenwagen braucht. Die Freunde, die ich heute um Rat fragte, rufen immer direkt bei ihrer Krankenkasse an, und die würde ihnen dann einen Krankenwagen schicken, der bei ihnen unter Vertrag schickt. Eine etwas generalisierte Nummer habe ich heute aber herausgefunden, das ist wohl die "107". Ich hoffe, wir werden sie nicht brauchen.

Auf den Fluren sieht es aus wie in einem der vielen Krankenhaus-Bilderbücher, ein Wimmelbild, auf dem man fast alles findet: Kinder im Rollstuhl, Kinder mit Augenklappe, Kinder mit Nasensonde. Weinende Kinder auf dem Arm ihrer Eltern, schlafende Kinder, spielende Kinder. Die Eltern und Großeltern sehen etwas erschöpft aus, wahrscheinlich haben wir alle schlechte Nächte hinter uns. Die Stuhlreihen im Wartebereich sind so eng gestellt, dass nicht mal die Kinder einfach so zwischen den Knien der einander gegenüber Sitzenden durchschlüpfen können, und wenn die wartenden Patienten bisher nichts hatten, haben sie jetzt Gelegenheit, sich mit irgendetwas anzustecken. In den Ecken läuft auf Fernsehern der Comic-Kanal, es schaut aber keiner recht hin.
Das Krankenhaus-Personal trägt alle Varianten von Uniform, offener Kittel über dem Sommerkleid, bunter Kasack, OP-Overall, die meisten Kinder kommen offenbar direkt von zu Hause und sind "zivil" da. Nur einmal läuft eine schnatternde Gruppe von drei Grundschülern in Schulinform aus dem Chirurgie-Bereich kommend durch unsere Wartezone, vielleicht ein Unfall in der Pause, die kleinen Jungen in ihren weißen Kitteln mit Heften unter dem Arm sehen auf den Krankenhausfluren ganz rührend aus.
Als wir schließlich als fast die letzten des Vormittags dran sind, hört sich die junge und strahlende Ärztin meine Beschreibung der Symptome an, nickt, ich meine, für mich würde das wie "Pseudo-Krupp" klingen, sie nickt wieder, "seudo-crup", denkt sie auch. Sie hört B. ab, er muss sich noch einmal für einen Blick in den Hals auf das zerknitterte Papier der Liege des winzigen Sprechzimmers legen, dessen hinterer Ausgang zu einem weiteren Gang hin offen ist, dann bestätigt sie unsere Diagnose: Pseudo-Krupp. Sie nennt den Namen eines Medikaments, ich frage, ob das Cortison sei, sie lacht, ja, Diagnose stimmt, Medikamt stimmt, das sollen wir ihm drei Tage lang geben, wenn er nicht darauf anspricht, wieder eine Ambulanz aufsuchen. Sie schäkert noch etwas mit B. und stellt die Rezepte für die Apotheke aus, und ansonsten hätte sie noch einen Geheimtipp für die Nächte, wenn es akut ist. Ich schlage die offene Tiefkühltruhe vor, sie lacht wieder, genau, aber ich wisse ja alles,"nächstes Mal kommst Du alleine", sagt sie zu Percanto, "sie ist ja nur mit, weil sie das Rezept mit Stempel braucht, aber so ist das ja langweilig, wenn sie schon alles weiß, macht das keinen Spaß."

Als wir rauskommen, hat sich der Trakt fast geleert, den Wartenummern zufolge waren wir heute Vormittag etwa 70 Patienten nur im Bereich "zum ersten Mal hier", und alles war für uns alle umsonst, egal ob und wie wir versichert sind, das ist ganz schön beachtlich. Insgesamt stehen die öffentlichen Krankenhäuser gerade in der Provinz allerdings arg in der Kritik, der hygienische Zustand sei katastrophal, viele Patienten würden nicht behandelt, andere schlecht. Wir können uns heute nicht beschweren.

Am Nachmittag gehen der kleine Patient und ich nur kurz zur Tante und dann schaukeln, im Sand buddeln und ein Eis essen, er mag Zitroneneis, und zu Hause kochen wir die Ravioli, die wir mitten in der Nacht schon im Tiefkühlfach angeschaut haben. Das Kulturprogamm für heute Abend, ich wollte ins Kino oder Theater, ist darum gestrichen. Dafür im Fernsehen gezappt, in einem Programm taumeln Moderatoren in roten Badeanzügen und farbigen 3D-Brillen durcheinander und versuchen irgendwelche an Schnüren hängenden Dingen zu fangen, im nächsten mehrere Jahrzehnte altes Bildungsfernsehen über korrektes Autofahren, in einem anderen erklärt Eduardo Galeano hinter einem Schreibtisch mit güner Lampe die Welt. Galeano! Ich hab mal für Galeano eine Lesung mit Diskussion gedolmetscht und mit ihm Abendbrot gegessen. Davon erzählt er natürlich nichts.
Vielleicht sollte ich für Notfälle noch etwas Spielzeug in den Kühlschrank legen. Wenn wir heute Nacht wieder kalte Luft brauchen, was ich nicht glaube, sind dort nur noch ein paar triste Eiswürfel anzutreffen, die werden B. nicht lange dazu animieren, ins Eisfach zu atmen.

Donnerstag, 18. März 2010

40 Tage Buenos Aires [32]

Tag 32, Donnerstag, 18. März 2010: Gespiegelte Nachmittags-Milonga in der Confitería Ideal, Suipacha.

Die Confitería Ideal, ein etwas blätterndes Jugendstil-Prachtstück. Die sich einst über zwei Stockwerke erstreckende Konditorei ist heute Tangosalon, und im oberen Stock finden auch nachmittags Milongas statt. In der Confitería Ideal war ich schon seit meinem ersten Aufenthalt nachmittags tanzen, mittags gibt es Tango-Unterricht, dann je nach Wochentag ab 15 oder 16.30 Uhr Tanz, wo auch die Angestellten umliegender Büros ab und zu in ihrer Pause vorbeischauen, sonst sind aber vor allem Rentner und Touristen dort. Nicht die glitzernde, aufgeheizte nächtliche Tangoszene, aber mit eigenem Charme. Und wenn ich sonst schon nicht tanzen war dieses Mal, so doch wenigstens heute in der Confitería. Wir gehen alle zusammen, Baby B. bleibt im Wechsel bei mir oder bei anderen Gästen, und wir tanzen auch einmal zu dritt, was uns wiederum in ein beklatschtes Foto-Objekt einiger junger Touristen verwandelt. Zum Teil sind die gleichen Leute da, die ich von den ersten Jahren hier kenne. Eine ältere Dame tanzt erst mit Percanto und hütet dann für eine Tanda Baby B. - eine Tanda eine Folge von drei Tangos des gleichen Orchesters, danach wird eine gänzlich andere Musik als Cortina, Gardine, angespielt, man dankt seinem Tanzpartner und setzt sich und hat dann bei der nächsten Tanda Gelegenheit, mit jemand anderem zu tanzen. Diese Dame kommt mir ebenso bekannt vor wie der winzige alte Herr mit den roten Lackschuhen, am Ende sind sich auch Percanto und die Dame sicher, in einem anderen Jahr schon mal in der Confitería miteinander getanzt zu haben. Der alte Herr mit den roten Schuhen und der etwas irritierenden Disney-Krawatte weicht eine Weile nicht von Perantos Seite, er ist so begeistert von seinem Milonga-Stil, dass er Percanto nachdrücklich um Einzelunterricht bittet. Sie haben Daten ausgetauscht, später bestürmt der Herr auch mich, ich solle mit Percanto reden, dass der ihn anruft, er will unbedingt tanzen wie er! Das ginge bei seiner Novia zu Hause, bei seiner Freundin, die haben genug Platz, und ich solle einfach mitkommen, ich würde dann einen Wein bekommen, während Percanto ihnen seinen Milonga-Stil beibringt. Toll sei der, toll.
Das Ambiente ist familiär und trotz der korrekt gekleideten Kellner und des traumhaften und gerade wegen seiner leichten Angeschlagenheit besonders reizvollen Raumes etwas improvisiert. Als ich das letzte Mal hier war, war der Raum aber noch schrammeliger, sie hatten damals keine Tischdecken, es wirkte an mehr Ecken als heute, als sei man eigentlich hinter die Bühne oder einen sonstwie abgesperrten Bereich geraten, und an der Kaffeetheke hat man immer erst gefragt, ob sie eigentlich auch noch Cafébetrieb haben. Der brummt zwar auch dieses Mal nicht, es ist eher leer, aber der Salon wirkt doch etwas aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Die Tango-Etikette wird nicht übertrieben streng eingehalten, die DJane albert zwischendurch mit B. herum, am Rande der Tanzfläche üben zwei Paare Führen und Haltung.
Wir trinken Cortados und ich würde eigentlich gerne eine Mokkatasse mit orangefarbener Confitería-Borbonen-Lilie für meine Sammlung klauen. B. erledigt das, indem er sich an der langen Tischdecke hochzieht und dabei die Tassen runterreißt; die mit dem abgebrochenen Henkel darf ich ganz offiziell mitnehmen.

Tirili! Wir behaupten den Frühling herbei


Es wird gelesen, und ich lese mit. Oder auch: Das wars dann mit dem Pseudonym.

Die Hamburger Isa und Merlix laden auf den grünen Rasen ein, Bov und ich lesen im Auswärtstrikot, und Klaus Friese gibt den Schiedsrichter.
Bitte vormerken, dann kann es Frühling werden.

Mittwoch, 17. März 2010

40 Tage Buenos Aires [31]


Tag 31, 18. März 2010: Kleine Demonstration auf der Av. Corrientes, Richtung Obelisk und dann Ministerio de Educación.

Fast jeden Tag wird hier irgendwo demonstriert, protestiert, eine Straße blockiert oder eine Brücke gesperrt. Gestern machten Anti-Kirchner-Demonstranten für eine oder mehr Stunden die Brücke Pueyrredón dicht, heute stolperte ich auf dem Heimweg in den eher kurzen Aufmarsch von Universitätsdozenten, die einen 48-stündigen Streik ankündigen, um gegen ihre schlechte Bezahlung zu protestieren.
Vielleicht sollte ich von meiner selbstaufgestellten Regel ablassen, dass das Foto im Blog immer vom gleichen Tag sein muss. Bevor ich ein vernünftiges Bild habe - ich renne mit B in der Karre und meinen roten Sandalen immer wieder an den sich stauenden Autos vorbei, um eine bessere Perspektive zu bekommen, aber die Demonstranten haben es eilig und hängen mich an jeder Kreuzung wieder ab - fängt es derart an zu regnen, dass ich umdrehen und B ins Trockene bringen muss. Ich renne also auf der etwas leereren Parallestraße zur Corrientes wieder zurück, zum Glück ist es nicht weit. Die ersten Mädchen, die mir entgegenkommen, kommentieren noch mitleidig "das arme Baby wird ganz nass", an den erheiterten Gesichter der anderen Passanten kann ich dann erkennen, dass es B. gut geht. Er liebt Wasser, und durch strömenden Regen zu rennen findet er wahnsinnig komisch, er quietscht und lacht im Wagen und leckt sich die nassen Arme ab. Der Regen wächst sich dann, als wir zu Hause sind, zu einem heftigen Gewitter aus, erst jetzt, nach Mitternacht, lässt es nach.

Dass die Regenfälle zu so heftigen Überschwemmungen führen hat seinen Grund auch in der verfehlten Baupolitik. Die innerstädtischen Viertel, die beim großen Regen vor 4 Wochen am stärksten von Hochwasser betroffen waren, sind wie zum Beispiel Palermo Viertel, in denen in den letzten Jahren massiv die alten Baustruktur, nämlich traditionelle niedrige und wunderschöne Häuser mit Innenhöfen, niedergerissen und durch Hochhäuser ersetzt wurde. In den alten Häusern lebten wenige Familien, und nun wohnen statt zehn Familien in einer Cuadra, einem Straßenblock, hundert. Die Entwässerungssysteme sind aber für zehn Familen ausgerichtet, und da dies nicht nur an einer Ecke so ist, sondern überall, kollabiert die Kanalisation, sobald etwas mehr als die durchschnittliche Menge Regen fällt. Abgesehen davon ist es ein Jammer um die alten Häuser und das typische Straßenbild, das den Reiz dieser beliebtesten Viertel ausmacht, aber das mag jenseits der offensichtlichen Unvernunft ja Geschmacksache sein.
Vor der Demo und dem Regen waren B. und ich nochmal in ein paar Buchläden, Perlen suchen, allerdings ohne rechte Resultate, und ich war in einer Fotographie-Ausstellung im Centro Cultural San Martín. Es sind Bilder von Diego Aráoz, "Santa Lucía. Arqueología de la violencia". Die Serie von ziemlich dunklen Schwarz-weiß-Fotos dokumentiert eine in der Diktatur als Gefängnis genutzte alte Fabrikanlage in der Provinz Tucumán. Einige der Bilder sind gut (und natürlich hadere ich gewaltig mit meiner heutigen Ausbeute), allerdings kann ich nur auf wenigen das erkennen, was sie ausdrücken sollen: Die Spuren der Gewalt, die auch nach 30 Jahren noch an den Gebäuden sichtbar sein sollen. Manches ist offensichtlich und eindrücklich, wie die in die Wände eingeritzten Initialen, andere Fotos überzeugen auch ganz ohne den Kontext, wie das einer heruntergekommenen Wand, auf der in Großbuchstaben "FELIZ DIA" ("glücklicher Tag", auch im Sinne von "herzlichen Glückwunsch") steht. Bei vielen sehe ich aber trotz Hintergrundinformation nicht mehr als alte Wände oder Bodenfliesen.
Was ich unabhängig von den oft sehr hochwertigen einzelnen Ausstellungen bemerkenswert finde, ist die meines Erachtens hier sehr niedrige Schwelle zu Kultur. Das ist sehr schön und wird, soweit ich das sehe, auch genutzt. Die vielen Kulturzentren bieten das meiste kostenlos an, auch beide Foto-Ausstellungen, die ich besucht habe, waren ohne Eintritt. Die heutige Ausstellung war in der Galerie des Theaters San Martín gehängt, und auch wenn die Vorstellungen erst spät am Abend sind, ist das Gebäude praktisch immer geöffnet. Neben den Ausstellungen bietet es etwa ein Café und eine kleine, wenige Regalbretter umfassende Spezialbuchhandlung für Theaterliteratur, von Hamlet-Ausgaben bis zu Texten über Handpuppen oder Kostümgeschichte. Außerdem kann man sich - auch das Teil der niedrigen Schwellen - für diverse Kurse rund um das Theater einschreiben. Ich kenne einige Leute, die diese Art von Kulturkursen sehr ernsthaft betreiben, der Sohn der Tante etwa arbeitet tagsüber in einem Lager und "studiert" außerdem in dieser Form seit Jahren Theater, bringt auch Stücke auf die Bühne. Überhaupt habe ich hier eine große Ernsthaftigkeit in allem, was bei uns unter "Hobby" oder "Freizeitbeschäftigung" läuft. Vor Jahren habe ich ein junges Mädchen kennengelernt, das Ballett tanzte, und es stand völlig außer Frage, dass sie das natürlich beruflich machen würde, dass sie Tänzerin würde. Dafür lerne sie ja tanzen. Einige der Kulturkurse führen zu Berufsbezeichnungen, auch die schon bekannte Tante besucht etwa seit einem Jahr abends Folklore-Tanz-Kurse in einem Institut, und Endes dieses Jahres wird sie sich außer pensionierter Ärztin auch Folklore-Lehrerin nennen. Ich habe darum manchmal etwas Schwierigkeiten zu definieren, was ich so tue außerhalb meines Berufs im engeren Sinne, dass ich beispielsweise weder Chor noch Fotografie professionell betreibe, aber trotzdem konsequent zu den Proben gehe, und das seit vielen Jahren, ohne dafür einen Titel zu bekommen.
Heute Abend habe ich dann wieder einen Film gesehen, auf die Idee hätte ich auch zur eher kommen können. Das Blog könnte zur Zeit auch "Meine Woche mit Ricardo Darín" heißen, ich habe den Oskar-Film "El secreto de sus ojos" geschaut, wo er schon wieder die Hauptrolle spielt.
Der Film kommt für mich nicht an den gestrigen heran. Beides sind sicher kommerzielle Filme, aber "Secreto" ist noch etwas glatter, hallt trotz der aufgeworfenen großen Fragen weniger nach.
"El secreto de sus ojos" spielt auf zwei Zeitebenen, am Rande geht es auch hier um die Diktatur, allerdings nur für einige Passagen. Etwas störend fand ich, dass die zentralen Sätze, deren Korrespondenz ich durchaus auch alleine bemerkt hatte, in einer aus Rückblenden montierten Collage kurz vor Schluss noch einmal alle wiederholt werden, und dann, damit der Zuschauer sie auch ja bemerkt, die allerwichtigsten sogar noch einmal. Das Sentenzhafte mag ich ja nicht so, und die romantische Wendung am Ende schien mir zu optimistisch im Vergleich zum vorigen Verlauf und wenig überzeugend. Eigentlich schien es mir über weite Strecken ein Film über Sexismus, Hierarchien und Geschlechterverhältnis zu sein, auch das wird aber nicht durchgehalten oder bei den beiden Hauptfiguren ziemlich unmotiviert - nagut, wegen der Liebe, irgendwie - einfach aufgelöst. Die Statusdifferenzen werden im Original stark durch einen sehr argentinischen Sprachduktus gestützt, ich wüsste gerne, wie viel davon das Oskar-Kommitee eigentlich mitbekommen konnte.

Dienstag, 16. März 2010

40 Tage Buenos Aires [30]


(Gracias, chicos, que me dejaron sacar las fotos! Ya se las mando por mail.)

Tag 30, Dienstag, 16. März 2010: Tango. Av. Callao / Av. Santa Fe.
Drei Jungen tanzten in wechselnden Paarungen und unterschiedlicher Rollenverteilung die "base", den Grundschritt nach, dessen Schrittfolge an der Ecke Callao / Santa Fe in den Bürgersteig eingelassen ist. Hier führt der rechte Junge den linken gerade in den fünften Schritt, das Kreuz.

Sehr viel haben wir nicht erlebt heute, außer natürlich Baby B.s erstem Haarschnitt. Der hat damit zu tun, dass es etwas kühler und vor allem trockener geworden ist, und mit sinkender Luftfeuchtigkeit haben sich prompt seine Locken entkringelt und die vormalige Stirnlocke fiel ihm glatt bis auf die Nasenwurzel. Also habe ich meinem Babykind heute das erste Mal die Haare geschnitten, zumindest vorne ein Stück und hinten ein bisschen. Die Locken über den Ohren sind noch dran, und die Ohren auch.
Etwas kühler geworden heißt, dass wir ohne Ventilator geschlafen haben und auch jetzt am Abend die Kombination Spaghettiträger und Ventilator übertrieben wäre. Gestern habe ich sogar abends ein langärmliges T-Shirt angezogen, aber man fängt ja nach so großer Hitze albernerweise schon bei 25° an zu frösteln, die Argentinierinnen tragen längst Tücher und Jacken. Ich hoffe, die Frühlingsanzeichen in Deutschland, die mir alle übermittelt werden, setzen sich durch, sonst werden wir uns in zehn Tagen schön umgucken. Das werden wir natürlich sowieso, obwohl ich gestern mit dem Bedürfnis nach Ärmeln auch plötzlich das sehr herbstliche Bedürfnis nach Element of Crime hatte, die gleich "Wer zu lange in die Sonne sieht, wird blind" sangen. So ist das wohl. (Ich versuche mich die ganze Zeit daran zu erinnern, ob Hosen sehr unbequem sind.)
Die Film- und Bücher-Einkaufstour von gestern haben wir heute nach dem Spielplatz fortgesetzt, und wir haben "Kamchatka" doch noch im Original gefunden, überraschenderweise in der Buchhandlung "El Ateneo" (vgl. Tag 3), wo ich von Marcelo Figueras Büchern nur sein Blog gefunden hatte. Außerdem haben wir CDs gekauf, Percanto Musik für sich, ich spanischsprachige Kinderlieder für Baby B. So richtig kommt man um Kindermusik wohl nicht herum, und dann sollte es wenigstens welche sein, die man als Eltern auch ertragen kann - und ich möchte sie in beiden Sprachen haben. Spanischsprachige Kinderlieder kenne ich zu wenig, um sie B. zu vermitteln, beziehungsweise kenne ich nur ein paar ganz alte, nämlich genau die, die auf der Kinderlieder-Platte waren, die unsere Nachbarn vor über 30 Jahren aus Chile mitgebracht haben. Als ich eines der brasilianischen Lieder bei meiner Brasilienreise mal anträllerte, zeigten sich die Einheimischen sehr irritiert. Sie würden das Lied zwar kennen, aber das würde nun wirklich niemand mehr singen, das sei ja mindestens 30 Jahre alt! Genau.
Die CDs wirken ganz gut, eine basiert auf der schönen lateinamerikanischen Folklore, eine enthält auch Zungebrecher und ähnliches, und auf allen singen die Leute so, dass ich das auch hören mag. Ansonsten sagt Freundin H., dass die richtige Folklore (außer Tango) auch gut geht mit Kindern, und das ist eigentlich jetzt schon so.
Ich wollte dann zu Hause mal kurz in den Film reinschauen, ob er läuft, bevor ich Felipe von der Buchhandlung wegen der Kopie absage. Kurz reinschauen ging nicht, ich habe "Kamchatka" nun ganz gesehen, sehr gut. Regie Marcelo Piñeyro, und das Buch ist vom Autor des Romans, Figueras, und ich habe gerade gelernt, dass der Film älter ist als das Buch. Etwas irritierend, weil einige Szenen ohne den ausführlicheren Roman eigentlich nicht zu verstehen sind, aber ein Grund mehr, den Film im Seminar zu behandeln.
Der Vater ist Ricardo Darín, den ich nun schon in vielen argentinischen Filmen gesehen, sein Vater - der Großvater des Protagonisten - ist mit Héctor Alterio der gleiche, der auch in "El hijo de la novia" Daríns Vater spielt. Mutter ist Cecilia Roth, die Jungen werden von Matías Del Pozo und Milton de la Canal gespielt. Zum Glück sieht die Hauptfigur, Harry bzw. Matías Del Pozo, meinem Kind so gar nicht ähnlich, eher schon der Kleine. Ich wusste ja sehr genau, worum es geht, aber es ist auch als Film wieder harter Tobak, und manche Dinge erträgt man als Mutter nicht unbedingt besser. Mit der Identifikation mit der kindlichen Hauptfigur ist es jedenfalls vorbei, und wahrscheinlich ist es gut, dass ich den Film jetzt einmal hier und allein gesehen habe, mit Taschentüchern und Pausen und Licht und dafür ohne all meine Studenten dabei. Und zum Glück ist mein ganz reales Babykind während des Films ganz oft aufgewacht, so dass ich immer rübergehen und es streicheln und uns beruhigen konnte.

Ich wiederhole nochmal meine Buch-Empfehlung, Marcelo Figueras, Kamtschatka, ins Deutsche übersetzt von Sabine Giesberg. (Der spanische Titel schreibt sich nur anders, Kamchatka.)
Auch der gleichnamige Film lohnt sich, wenn ihn die örtliche Videothek hat. Ansonsten bring ich eine Kopie mit. Sie sollten aber wissen: Es geht nicht gut aus. Und darum muss ich jetzt zu meinem Baby mit der Jungensfrisur. Gute Nacht.

PS:
Es muss ja nicht alles traurig enden, auch nicht der Blogeintrag. Wie jeder gute traurige Film hat auch "Kamchatka" heitere und fröhliche Szenen. Sehr hübsch, wenn auch mit ziemlichem Kratzen im Hals (in meinem) schon, ist das gemeinsame Tanzen der versteckten Familie mitsamt dem bei ihnen mit untergetauchten Jungen Lukas. Sie tanzen zu diesem etwas albernen Lied:
Son tus perjumenes mujer. Sehr schön.
Und "mein" brasilianisches Lied war dieses, Youtube hat ja alles:
Balaio meu bem.

PPS:
Da die verborgenen Links zu Youtube schon wieder nicht gehen, warum auch immer, bitte selbst kopieren:
Son tus perjúmenes mujer:
http://www.youtube.com/watch?v=x7O29IbwUyE
Balaio:
http://www.youtube.com/watch?v=68d_N_GO0tU

Montag, 15. März 2010

40 Tage Buenos Aires [29]

Tag 29, Montag, 15. März 2010: Innenhof Café Milion, Barrio Norte.

In dem überaus stilvollen Café und Restaurant mit Galerie "Milion" legen wir zwischen einem langen Spielplatznachmittag auf "unserer" Plaza Vincente López und dem nötigen Einkauf im Supermarkt "Coto" eine Pause ein. Der Hof ist fast leer, nur hinten unter der Laube telefoniert in der lauen Zeit am Nachmittag leise ein Koch, die schwarze Uniform samt schwarzer Kochmütze tadellos. Mehr Zuspruch findet das Lokal wohl abends, wenn es Bar und Lounge ist. An den Wänden hinter den Hängepflanzen bitten freundliche Hinweisschilder auf weißen Fliesen darum, leise zu sprechen, "die Nachbarn ruhen sich aus". Angeblich hat das Haus mal Deutschen gehört, erzählt uns der leutselige Besitzer, der hier seit zehn Jahren das Café betreibt. Die Freitreppe ist natürlich großartig, mir würde aber schon die Terrasse links oben auf dem Treppenabsatz genügen, oder die große Glastür. Schon das runde Fenster über dem oberen Balkon wäre phantastisch. Der Kaffee schmeckt dem Ambiente angemessen wirklich gut, allerdings servieren sie hier außer Wasser nichts dazu, keinen Keks, kein Alfjorcito. Da man Kaffee aber nicht so trocken runterwürgen kann, beiße ich einmal an Baby B.s Reiswaffel ab, die er, wenig überraschend nach den "Vainillas" (Bisquits) und Butterkeksen, sowieso nicht aufessen möchte. Und das, was übrigbleibt, ist manifester Nationalismus: Aus einer schnöden, salzfreien Reiswaffel haben Baby B. und ich zusammen Argentinien en miniature gegessen. Toll.


Am Abend gehe ich nochmal alleine los und suche auf der Av. Corrientes Bücher mit bestimmten Aufsätzen sowie den Film "Kamtschatka". Das Buch werde ich im Sommersemester lesen lassen, der Film dazu wäre eine schöne Zugabe. Ich beginne mit der Suche im "Solocine" gleich an der Ecke Corrientes / Rodriguez Peña. Der Film-Laden ist sehr gut sortiert, der Mann an der Theke ebenso gut informiert, "Kamtschatka" hat er nicht, aber er berät mich ein bisschen bei der Auswahl von Dokumentarfilmen, schließlich haben wir mit mehreren Kunden zusammen ein Gespräch über gute Dokumentarfilme und die Schwierigkeiten, Peronismus zu verstehen, und ich bekomme eine kleine Auffrischung in argentinischer Geschichte samt Filmgeschichte. Eigentlich wollte ich etwas dokumentarisches Material für die Fragen nach dem historischen Kontext in meinem Unterricht, schließlich verlasse ich den Laden zwar ohne Kamtschatka, dafür aber mit zwei anderen Spielfilmen und insgesamt sieben Dokumentationen, darunter eine Trilogie über die Unruhen 2001/02 von Pino Solanas, von der ich 2005 den zweiten Teil in einem Kino in Mendoza gesehen habe, "La Dignidad de los Nadies", die Würde der Niemande. Ohne zu übertreiben hat sich nach der Vorführung das gesamte Publikum auf den Toiletten wiedergetroffen, wo wir uns die Nasen putzen und - auf der Damentoilette jedenfalls - die Wimperntusche von den Wange wischten. Ergreifend, beeindruckend, jetzt habe ich die ganze Trilogie und im Paket noch einen weiteren Film von Solanas dazu. Ich bin gespannt. Außerdem schicken mich die anderen Kunden und der Verkäufer in einhelliger Meinung los, den Film "La Patagonia Rebelde" von Héctor Oliveira nach einem Roman von Osvaldo Bayer zu besorgen, ein Spielfilm auf historischer Grundlage, hier geht es um einen Aufstand in den 1920er Jahren. Diesen Film finde ich tatsächlich in einem Zeitungsstand an der Av. Corrientes für 15 Pesos, etwa 3 Euro. Mit den Büchern ist es zunächst schwierig, ich suche bestimmte Aufsätze, die zum Beispiel in bestimmten Bänden von Cortázar oder Benedetti sein können, vielleicht aber auch woanders. In einem der modernen Antiquariate, das vorne fast nur Ramsch hat, habe ich Glück. Der männliche Betreiber kommt aus Uruguay und hat die Benedetti-Ausgaben etwa im Kopf, da macht er mir nicht viel Hoffnung, sie haben den Band auch nicht. Die Frau meint aber, mir mit Cortázar helfen zu können, sucht ein bisschen hinter Schulbüchern, um dann eine Trittleiter gezielt anzustellen und aus der zweiten Reihe einen in Folie verpackten und mit "rar!" beschrifteten alten Band zu ziehen. Die Ausgabe ist noch etwas älter als die, die ich auf der Liste hatte, aber zumindest der eine Aufsatz ist tatsächlich drin. Das Buch ist - wegen des Seltenheitswertes - etwas teurer als erwartet, aber allein die überzeugende Kompetenz dieses netten Paares ist es mir wert, zudem geben sie mir Hinweise, wo ich den anderen Text finden könnte. Ich klappere die Läden bis zum Obelisken auf der einen Straßenseite ab, auf der anderen geht es zurück. Inzwischen ist es dunkel und die späten Buchbummler mischen sich mit den ersten Theatergästen, die an den Kartenschaltern der vielen Schauspielhäuser anstehen oder aufgehübscht vor den geschlossenen Fassaden warten. In einer anderen Buchhandlung finde ich die anderen Cortázar-Texte in einer etwas schmuddeligen Neuausgabe, den letzte Versuch für den Film mache ich in einer Buchhandlung, die an der Rückwand auch Videos führt. Dies ist allerdings eine Täuschung, es ist kein Filmhandel, sondern eine Videothek. Es ist nichts mehr los, der Mann an der Theke trinkt mit einem Kunden, Freund oder Mitarbeiter aus der Buchabteilung Mate, als ich dazukomme. Wir unterhalten uns eine Weile über den Film, ich würde den Film auch ausleihen, um erst mal zu gucken, ob sich die doch eher schwierige Suche lohnt, da ich dafür aber Jahresbeitrag zahlen müsste, lohnt es sich nicht. Der Filmverleiher bietet mir dann von sich aus eine andere Lösung an: Weil ich ja schon im ehrenwerten "Solocine" gesucht hätte und auch sonst alles zwischen "Solocine" und dem Obselisken abgeklappert, also echtes Interesse hätte und Willen, einen Originalfilm zu kaufen, würde er mir den Film kopieren. Wir tauschen Namen und Mailadressen, morgen kann ich eine Kopie von "Kamtschatka" ganz offiziell in der Buchhandlung abholen. Wenn ich noch ein Original bekomme - denn der Mann aus dem ersten Laden wollte es auch versuchen -, soll ich halt bescheid sagen.
Ich habe zwei Taschen voller Filme und Bücher nach Hause geschleppt und mehr ausgegeben, als ich auf der Suche nach zwei Texten und einem Film ursprünglich vorhatte, aber so macht das Spaß. Das letzte Ergänzungsbild ist nicht von heute Abend, sondern aus einem Antiquariat in der Av. Santa Fé, Richtung Palermo. Der Mann ganz links unten ist der Besitzer, auch ein Fanatiker, der einem aus diesen Stapeln, die durch den ganzen Laden - der hinten rechts noch weitergeht - wuchern, zielsicher die erfragten Bücher ziehen kann. Ich selbst finde beim Stöbern in diesen Läden nichts, aber wenn man was Bestimmtes sucht und fragt, bekommt man vielleicht das gewünschte Buch - oder aber jede Menge Anekdoten und Informationen aus dessen Umkreis, und die sind oft genauso spannend.

Sonntag, 14. März 2010

40 Tage Buenos Aires [28]


Tag 28, Sonntag, 14. März 2010: El Tigre.
Am Hafen von Tigre, im Vordergrund zeigt an einer Ruderschule ein Vater seiner Tochter einen von vielen toten Fischen, die hier angeschwemmt wurden.

Der Freitag ist der Abend für die Freunde, der Samstag der für die Freundin bzw. Ehefrau (oder umgekehrt? Ich weiß es nicht mehr, bin mit Kind irgendwie raus aus diesem Rhythmus), und am Sonntag trifft sich die ganze Familie, traditionell natürlich beim Asado bei den Großeltern. Und wer kann, verlässt am Wochenende oder zumindest an einem der Tage die Großstadt, heute haben mich wieder H. & J. mit Tochter E. mitgenommen, wir haben einen Ausflug in den Norden von Buenos Aires gemacht, nach Tigre. Tigre ist eine kleine Stadt im Delta des Paraná, nur etwa 30km von Buenos Aires entfernt und ein beliebtes Ausflugsziel. Wir fahren mit dem Auto, es fährt aber auch ein Zug. Die Häuser in Tigre sind niedrig, die Straßen von Platanen gesäumt, und im Zentrum des Interesses stehen der Hafen mit Ausflugsschiffen und Ruderschulen am Ufer, der Vergnügungspark mit Riesenrad und Achterbahn sowie vor allem der "Puerto de frutas", der Fruchthafen, der von Früchten nichts mehr hat außer dem Namen. Seit vielen Jahren werden dort typische Korbmöbel verkauft - und mittlerweile auch jede Menge Touristenkram wie auf jedem Handwerkermarkt hier.
Nach einem Spaziergang am Ufer entlang, den E. mäßig findet, und einem Mittagessen, das wir mäßig finden, wollen wir einerseits auf den Korbmöbel-Markt, andererseits einen Ausflug mit einem der Boote ins Delta machen, vielleicht zu einer der Inseln. Wir fangen mit dem Markt an, und nicht nur wir; nach einer guten Stunde im Gedrängel zwischen den Buden an den alten Lagerhallen, die heute neben den erwarteten Möbel Stände mit Lederwaren, Schaffellen, Ketten aus bunten Samen, Häkelklamotten und Räucherstäbchen enthalten, will E. nur noch ein Eis und Baby B. will dringend laufen oder krabbeln, was am Hafen und zwischen all den Tagestouristenfüßen etwas schwierig ist. Außerdem ist es warm und stichig, das Licht auch für Fotos nicht befriedigend, und es wird immer voller.
Schließlich blasen wir die Bootsfahrt ab, die beiden unruhigen Kinder nun für eine Stunde auf ein Schiff zu sperren, scheint uns ziemlich die dümmste Idee der Woche zu sein, und sie für die Aussicht auf hübsche Inseln im Delta zu begeistern nicht besonders erfolgversprechend. Stattdessen machen wir, was man am Sonntag tun soll, und fahren zu den Eltern von J., die in der Provinz wohnen, um dort mit der Familie im Garten Mate zu trinken. Der Bruder mit Frau und Sohn ist auch schon da, die Kinder spielen zusammen im Sandkasten zwischen einem Avocado- und einem Zitronenbaum, und der zweite Teil des Ausflugs ist trotz des nun fehlenden Wassers klar der entspanntere.

Die Nutzung der Autobahnen kostet in Argentinien Maut, und da die einzelnen Teilstücke in Privatbesitz sind, wird alle paar Kilometer neu und ein ziemlich willkürliche Betrag kassiert. Zu Stoßzeiten , wenn in und um den Großraum Buenos Aires der private und öffentliche Verkehr kollabiert, kosten noch etwas mehr als die weniger frequentieren Zeitfenster, all das bietet Gelegenheit, sich alle paar Kilometer wieder über die Diebe und Wegelagarer der Mautstellen zu beschweren, zumal offenbar nur ein sehr geringer Teil des Geldes in den Erhalt der Staßen investiert wird. "Sie kassieren, was sie wollen, und sie machen damit, was sie wollen", fassen meine Freunde frustriert zusammen. Wir legen ein Teilstück, das uns vom Tigre in ein Dorf im Westen der Provinz Buenos Aires bringen soll, auf der relativ neuen, 23 km langen Autobahn "Camino del Parque del Buen Ayre" zurück. "Buen Ayre" mit Y bezieht sich auf Santa María del Buen Ayre, unter diesem Namen gründete am 2. Februar 1536 der Spanier Pedro de Mendoza dort, wo heute das Viertel San Telmo liegt, die Stadt am Río de la Plata. Außerdem klingt es natürlich nach "buen aire", aire bueno, guter Luft: "Weg des Parks der Guten Luft." Dieser Name ist ein Hohn. Links der Autobahn ist ein großes neues Armenviertel entstanden (hier heißen die Slums "Villa", in Peru euphemistisch "Pueblo Joven", also "Junges Dorf", in Chile einfach "Población", das ist schlicht "Ort"; der in Deutschland geläufige Begriff "Favela" ist brasilianisch). Auf der anderen Seite zieht sich augenscheinlich ein Grüngürtel entlang, ökologischer Ausgleich, grüne Lunge, möchten man meinen. Verdächtig sind allerdings die aus dem Rasen ragenden Betonkuben und Luken, die Schornsteine - und schließlich die Lastwagen und Bagger. Tatsächlich ist dieser breite Grünstreifen, der kilometerlang parallel zur Straße läuft, eine einzige große Müllkippe, die mit Gras bepflanzt ist, die Luken sind zum Gasablassen, und die Laster bringen ständig neuen Müll aus der Megapolis heran. Soweit zur "guten Luft" und zum Ökopark.
Meine private Ökobilanz ist natürlich genauso verheerend, außer der Fahrt im immerhin vollbesetzten Auto kam mein Wasser selbstverständlich wie immer hier in Plastikflaschen, die sie mir außerdem ebenso selbstverständlich in mehrere Plastiktüten gepackt haben. Und um das Schreiben für Euch mal mit etwas anderem als dem üblichen Wein aus Mendoza zu begleiten, trinke ich heute ein Quilmes zum Blog. Aus der Dose.