Mittwoch, 31. Dezember 2008

Das Jahr in Fragen und Antworten


Wir sind wieder zu Hause, bei Tee gibt es Ausstecherle-Gulasch (diese fragilen Kekse überleben leider nie den Postversand), die ganze Wohnung riecht penetrant nach Zwiebeln (Lauchsuppe für heute Abend) und bevor wir gleich zu Handfegers aufs Land fahren, wird es höchste Zeit, den Jahresrückblick in 27 Fragen zu beantworten.

Dieses Jahr war zweitgeteilt - viel Arbeit bis Mitte Juni / Mitte Juli und etwas einseitiges Sitzen in der Arbeitskabine der Bibliothek, und dann die großen Veränderungen, eine nach der anderen. Ich bin noch immer etwas atemlos und habe das Gefühl, viel mehr passt nicht in so ein Jahr. Es gab eigentlich überhaupt kein Mittelmaß, es war anfangs ausgesprochen anstrengend, dann gab es wundervolle und großartige Ereignisse, großes Glück, echte Freundschaft und herzklopfende Liebe, und es gab tiefschwarze Momente und Verzweiflung. Wobei das Glück das ist, was noch da ist. Und bin sehr gespannt auf das neue Jahr, das gleich mit der größtmöglichen Veränderung beginnen wird.
Aber Frage für Frage:


  1. Zugenommen oder abgenommen?
    Erst ab, bis die dicke Arbeit fertig und eingereicht war, dann langsam und konstant zu. Jetzt habe ich ein Plus von gut 10 Kilo, bin schwerer denn je und schaue mich dennoch lieber im Spiegel an denn je. Vor allem um die lustige Körpermitte.
  2. Haare länger oder kürzer?
    Mal so, mal so. Alles in allem ungefähr gleich, schätzungsweise.
  3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
    Kurzsichtiger. Aber sie sind weniger schlimm geworden als befürchtet. Dafür eine neue Brille, die schick ist, aber an den Rändern immer noch unscharf. Doofer Effekt, finde ich.
  4. Mehr Kohle oder weniger?
    Kohle?
  5. Mehr ausgegeben oder weniger?
    Mehr für "Lebensmittel unterwegs" oder "Kaffee in der Bibliothek" incl. Luxusvariante "Kaffee von der Tankstelle" (nach den Cafeterien-Schließ-Zeiten). Mehr für Umzug, Möbel, Kram. Mehr für Ärzte. Mehr für Papier. Wie immer zu viel für Reparaturen. Weniger für Musik, Urlaub (hm?) und anderen netten Kram.
  6. Mehr bewegt oder weniger?
    Insgesamt vermutlich weniger. Den Pfahlsitz-Rekord auf Bibliotheksterrain habe ich zwar durch regelmäßiges Laufen auszugleichen versucht, aber zeitgleich mit dem Abstieg vom Schreibtisch bekam ich Sportverbot. Nach dem Umzug mehr Fahrrad, weniger Fußweg. Dennoch, eher weniger.
  7. Der hirnrissigste Plan?
    "In der ersten Juniwoche Arbeit abgeben" (von der noch nichts geschrieben war.) Hat aber geklappt. Also doch nicht so hirnrissig, vermutlich.
    Vielleicht auch "mit dem Fahrrad und dem Zug und dem Bus zu Ikea fahren".
  8. Die gefährlichste Unternehmung?
    Eher ungefährlich gelebt. Thromboserisiko durch stundenlanges Sitzen gesteigert. Glühbirnen ausgewechselt ohne den Strom abzuschalten. Wohooo!
  9. Der beste Sex?
    Der beste? Der effektivste resp. folgenreichste war irgendwann Anfang Juni. Aber ich kann mich nicht daran erinnern.
  10. Die teuerste Anschaffung?
    10 Ausgaben meiner Arbeit. Möbel. Neues Fahrrad für den Mann. Anteile an einem Umzugsunternehmen. Dieses Wesen in mir, zwar schon angeschafft, aber wirklich teuer wird das erst noch.
  11. Das leckerste Essen?
    Wieder mal die Kartoffelsuppe meiner Mama?
  12. Das beeindruckendste Buch?
    Schon lang in meinem Besitz, aber erst im Mai gelesen, spät nachts, um die tagsüber verbrauchte Sprache zu wieder aufzufüllen: Jeffrey Eugenides: Middlesex. Seit langem das erste Buch, was mich wirklich wieder in seinen Bann gezogen hat. Lesen, ohne aufhören zu können.
    Und gefreut hab ich mich über Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China, weil ich mit Tilman zusammen studiert habe und seine Bücher immer besser werden.
    (Zählt der Mutterpass als Buch? Dann auch der.)
  13. Der ergreifendste Film?
    Ich war ungefähr gar nicht im Kino. Aber Ostern habe ich fast ganz alleine im großen Kino No Country for Old Men gesehen, war sehr beeindruckt und seither ein bisschen in Javier Bardém verliebt.
  14. Die beste CD?
    Die wichtigsten: Alle von Element of Crime, die Isa mir geschickt hat, weil es der Soundtrack meiner Abschlussphase wurde.
  15. Das schönste Konzert?
    Tristan! Fünf Stunden auf der Sesselkante, und hinterher der 3. Akt in Endlosschleife.
  16. Die meiste Zeit verbracht mit …?
    Floridor und seinen Texten und dem, was daraus wurde.
  17. Die schönste Zeit verbracht mit …?
    Allen zusammen auf Usedom? (Ich weiß sowas immer nicht, so Superlative.)
  18. Vorherrschendes Gefühl 2008?
    Wow. Hilfe. Hurra. Nein. Bitte nicht. Hoffentlich. Jajaja. Wow.
  19. 2008 zum ersten Mal getan?
    Eine Doktorarbeit beenden (mit allen Folgen wie: Erstmals eine Doktorarbeit verteidigen oder das Gänseliesel küssen).
    Schwanger werden (mit allen Folgen wie: Erstmals schniefend und gebannt auf einen Ultraschallmonitor starren oder entscheiden, welcher Bezug in die Wiege soll).
    Einen Vertrag für mehr als 1 Jahr unterschreiben (noch ohne Folgen außer einer gewissen Ruhe).
    Eine Unterlassungserklärung unterschrieben (mache ich auch nie wieder. Neinein!)
  20. 2008 nach langer Zeit wieder getan?
    Auf der falschen Seite an einer mündlichen Prüfung teilgenommen.
    Mit der ganzen Familie in den Urlaub gefahren.
    Patentante geworden.
  21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
    E.s Ende.
    Diese Sache mit der Unterlassungserklärung.
    Die ein oder andere Geschichte mit der alten Wohnung. Und mit der neuen.
  22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
    "Bleib bei uns!"
  23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
    Ich schenke sehr gerne, aber das weiß ich nicht.
  24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
    Ich bekomme auch gerne Geschenke, aber auch das weiß ich nicht. Geweint habe ich beim Stampler zum Nikolaus, dessen Füßchen mit Nüssen und Schokolade gefüllt haben.
  25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
    Vielleicht: "Wir würden uns freuen, wenn Du seine Patentante wirst."
    Oder: "Das ist das Herz, es ist alles gut."
  26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
    "Ich bin schwanger!" (Auch in den Varianten: "Du wirst Onkel." und "Hier ist mein Gorgonzola. Den darf ich jetzt nicht mehr essen.")
  27. 2008 war mit einem Wort …?
    Extrem.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

"Frische Bäume -->"


... stand auf dem Schild an der Straße.

Während, um nur ein Beispiel zu nennen, Ehemänner auch ganz gut zweiter Hand weggehen, scheint der Second-Hand-Markt bei Weihnachtsbäumen noch nicht recht in Schwung zu kommen.

Mittwoch, 17. Dezember 2008

Antikörper (gegen Anti-Körper)

Hinweis zur Adventszeit:
Ausgesprochen wirksam gegen Kekse ist übrigens ein gekochtes und leicht angebratenes Reiskorn, das am Rand der Keksdose klebt.

Zimt und Nuss und Mandelkern (Geschichte ohne Pointe, aber mit Rezept)

Weihnachten ist eine lange Kette von Ritualen, von denen keines fehlen oder abgewandelt werden darf. Beim Karpfen blau machen staunen, am Weihnachtsbaum das kleine Körbchen suchen, das Engelchen vom Klavier auf die Krippe setzen.
Traditionell, das heißt bei den Eltern zu Hause und in den Adventspäckchen, gibt es im Advent auf jeden Fall auch Dresdner Christstollen (eines der Kriegsrezepte meiner Großmutter, Mutti hat ihr 1940er-Backbuch mal komplett durchprobiert, geblieben ist es glaube ich bei Omis Stollen 1943), Florentiner, Ausstecherle (unbedingte Lieblingsfiguren: das rennende Schwein, dann das Kamel, das Nashorn), Vanillekipferl und Berliner Brot. Dieses Jahr gab es statt Berliner Brot sehr gutes Spritzgebäck, und da ich endlich! einen Ofen habe, wollte ich die eigene Adventsbäckerei mit dem fehlenden Berliner Brot beginnen. Ausstecherle hatte ich schon mit dem Patenkindsbruder gemacht, was einige Tränen gab, weil er nicht den
ganzen Teig roh essen durfte, nicht alle Mandeln unter dem Tisch verteilen sollte und weil er sehr unentschlossen war, ob die krumpeligen Regenwürmer auch in den Ofen sollten oder nicht. Am Ende war er aber sehr glücklich und sehr stolz auf seine halben Herzen, die Schweinespuren und die letztendlich mitgebackene Wurmfamilie.

Berliner Brot geht eigentlich schnell und einfach, dummerweise hatte ich Muttis Rezept nicht und Mutti war unterwegs, und Familienkekse nach außerfamiliären Rezepten sind natürlich so eine Sache. Ich habe also ein paar Rezepte so kombiniert, wie es mir am wahrscheinlichsten erschien, ganz wichtig sind viele Nüsse, viele Mandeln und große Stücke Blockschokolade. Noch wichtiger ist die hellblaue Schürze mit den weißen Streublüten von meiner Mimi. Die Schürze ist sehr zerschlissen, die Bänder bestehen fast nur noch aus Knoten, aber sobald ich die Enden zu einer kurzen Schleife binde, fühle ich mich transparent - so, als würden durch mich mit der Schürze erst meine Mutter hindurchscheinen und durch sie ihre Mutter, Mimi. Die Wirkung ist nicht mehr so unmittelbar wie zu Beginn, als ich die Schürze - noch mit einem Stückchen Bindfaden und einer Wäscheklammer in der Tasche - die ersten Male umgebunden hatte, aber immer noch spüre ich ganz deutlich die Generationen. Dieses Mal habe ich die Schürze über den Babybauch gewickelt, und Mimi hätte sich so über diese neue Generation gefreut, dachte ich dabei. Und sich bestimmt furchtbare Sorgen gemacht um mich und den ersten Urenkel.
200 g Mandeln standen im Rezept, aber erst als ich das Tütchen brauner Kerne ausgekippt hatte, fiel mir ein, was nicht dabeistand: Mandeln schnipsen! Das letzte Mal war bestimmt 15 Jahre her, oder noch länger, vielleicht hatte ich sogar noch auf dem roten Schemel gestanden, um besser an die Mandeln in der Blechtasse mit blauem Rand zu kommen. Sofort gegenwärtig war dann aber wieder das Gefühl der fast verbrühten Fingerspitzen - und vor allem das der ausgekühlten, feuchten Mandelhäutchen.
Dank dieser zwei Kilo Baby in mir bin ich gerade sowieso nie allein, und ein wenig Gewürzgeruch, Schürzenstoff, Bullerbüzitate oder feuchte Mandelhäutchen scheinen zu genügen, um mich vollends zur Mamuschka zu machen, um neben dem zappelnden Figürchen im Inneren auch immer wieder die Hüllen der vorigen Generationen bewusst zu machen.
Das Berliner Brot ist bei uns übrigens eigentlich ein Stippgebäck, hart wie Bundeswehrkekse. Das frei variierte Rezept führte zu merkwürdig lockerer Lebkuchenkonsistenz, die Kekse ließen sich nicht nur widerstandslos schneiden, sondern zerfallen beim Bewegen einfach. Und enthalten wohl etwas zu viel an Gewürz.
So hab ich sie gemacht, das Familien-Originalrezept wird möglicherweise nachgereicht.

* * *
400 g Margarine
500 g brauner Zucker (oder weniger Zucker, dafür aber noch Rübensirup)
4 Eier
2 EL Zimt
gemahlene Nelken, Cardamon, Orangenschale, Zitronenschale, Muskat, Koriander, Anis nach Gefühl (etwas weniger Gefühl tuts auch)
200 g Blockschokolade, teils gerieben, teils in Stückchen gebrochen
500 g Mehl
1 Pkt. Backpulver
200 g ganze Haselnüsse
200 g Mandeln

Puderzucker und Zitronensaft

Margarine, Zucker, Eier und Gewürze, Mehl und Backpulver gut mixen. Schokolade, Nüsse und Mandeln unterrühren.
Ein Backblech mit Backpapier auslegen, den Teig darauf verteilen und glattstreichen. Bei mir hat es für anderthalb Bleche gereicht, der Teig ging aber - für ein ganzes Paket Backpulver - erstaunlich wenig auf.
Ofen auf 180° vorheizen, etwa eine halbe Stunde backen.
Wenn die Masse ein wenig abgekühlt ist, mit Zuckerguss (mit einem Spritzer Zitrone) bestreichen (er sickert auf dem warmen Teig fast vollständig ein, am Ende bekommen die Kekse dadurch aber eine leichte Kruste) und in Rauten schneiden.

In einer Blechdose zwischen Schichten von Backpapier aufbewahren.

* * *
Probieren Sie es aus, bis es hier die nächste Folge vorweihnachtlichen Sentiments mit extra Zimt gibt.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Geschenke einpacken (Oder: "Macht Bullerbü da?")


Leider schaffe ich es nicht, dem Patenkindbruder Weihnachten in Bullerbü einzupacken.
Erst musste ich genau so, wie es in meinem Buch ist, mit Bleistift die Namen der Kinder zum Bild auf der ersten Seite schreiben. Und dann musste ich lesen. Und die Bilder angucken. Und noch einmal lesen. Und das Pfefferkuchenschwein. (Lasse backte neunzehn Pefferkuchenschweine.) Und Ole auf dem Nordhof-See. Und nochmal lesen.
Dabei kenne ich wahrscheinlich keinen Text schon länger auswendig als diesen.
"Am Abend gingen wir von Hof zu Hof und sangen Weihnachtslieder vor den Fenstern. 'Alles ist so schön weihnachtlich, dass ich fast Bauchschmerzen bekomme", sagte Inga."

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Freitag, 28. November 2008

Kleine Hasenmusik


J., zweieinhalb, hat eine große Familie Stofftiere, mit denen er wenig schmust, sondern mit denen er meist ernsthaft spricht, die von ihm gewickelt und bekocht werden. Einige schlafen aber bei ihm im Bett: Auf jeden Fall die heißgeliebte und ein wenig streng riechende Lappen-Maus, außerdem Käthe und Hasi.

Hasi geht es gerade nicht gut, seit zwei Wochen muss er immer wieder spucken, sagt J., und aus dem Bett gefallen ist er auch schon. Seine Mama fragte J. vorhin, ob es Hasi denn wieder besser gehe? "Nein, leider nicht", sagt J. Dann wendet er sich an mich: "Aber Hasi singt trotzdem. Er hat einen Faden, und wenn Mami am Faden zieht, singt Hasi."
Ich denke, dass es kein Wunder ist, dass Hasi der Bauch drückt, und frage, was Hasi denn so singt?

"Er singt immer Guten Abend, gute Nacht." Er denkt eine Weile nach. "Ich kann das auch singen, Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht... aber ich hab gar keinen Faden, nee. Ich hab keinen Faden."

Donnerstag, 27. November 2008

Junge Familien gehen zu Ikea


Und bei Ikea ist die Schwangerendichte ja ähnlich hoch wie in Frauenarztpraxen, zumindest gefühlt.
Percanto und ich haben letzten Mittwoch also einen kleinen Ausflug gemacht, mit Rad, Zug 1, Zug 2 und Bus zum nächstgelegenen Ikea - gar nicht mal für Wickelkommoden oder Gitterbettchen, das bekommen wir alles in (sehr) alt und gut eingenutzt, aber für Billys und Bennos und Betten für die werdenden Eltern.
Irgendwo zwischen der Schlafzimmer- und der Sofa-Abteilung stürzt Percanto plötzlich auf einen der Ständer mit Notizzetteln und Bleistiften zu, reißt ein Maßband ab, rennt zu mir zurück und vermisst mich und meinen Bauch. Ich stehe zwischen Hemnes und Malm, nehme brav die Arme hoch und Percanto kontrolliert meinen Umfang. "90 cm!" verkündet er zufrieden, und das ältere Ehepaar hinter uns wirkt aus unerfindlichen Gründen ausgesprochen amüsiert.

(Nur eine Woche später sind wir bei 97 cm, was einen erstaunlichen Schnitt von 1cm pro Tag macht, Percanto nennt mich 'Kinderüberraschung' und möchte mir eine blau-weiß-gestreifte Hose und einen Wikingerhelm kaufen.)

Sonntag, 23. November 2008

26 + 0: Wir können hören


Wir, die "liebe werdende Mama (und natürlich auch der Papa in spe)", bekommen per Mail verschiedene Baby-Newsletter zugeschickt, in denen manchmal ganz interessante Informationen über den aktuellen Entwicklungsstand des Nachwuchses stehen und über das, was sonst so gerade in meinem Körper passiert. Heute bekamen wir dies:

Sie sind jetzt in Ihrer 27. Schwangerschaftswoche (oder 26 Wochen und eine gewisse Anzahl von Tagen schwanger).
Ihr Baby ist jetzt mehr sensibilisiert [sic] für Geräusche, weil sich in seinen Ohren ein feines Netzwerk von Nerven entwickelt. Wenn es jetzt öfters die Stimme seines Vaters hört, kann es durchaus sein, dass es diese wiedererkennt. Je besser das Baby Vaters Stimme kennt, umso größer sind die Chancen, dass diese Stimme später eine beruhigende Wirkung auf Ihren Winzling hat. Wenn der werdende Vater sich komisch dabei vorkommt, quasi mit dem Bauch seiner Frau zu sprechen, kann er auch aus der Zeitung oder einem Buch vorlesen.
Mein Vorschlag wäre ja: Wenn der werdende Vater sich komisch dabei vorkommt, dem Bauch seiner Frau die Zeitung vorzulesen, könnte er sich auch einfach ganz normal mit seiner Frau unterhalten. Meiner Erfahrung nach ist dabei seine Stimme zu hören.
Aber das ist vielleicht zu einfach und nicht ratgebertauglich.

Mittwoch, 19. November 2008

Samstag, 15. November 2008

Tag des unbekannten Googlers

Heute: Eine Neuauflage zu Leser fragen, Percanta antwortet.

Gut! Wir machen mit.
Einige der zahlreichen Fragen, die in letzter Zeit an Percanta gerichtet wurden und möglicherweise hier nicht befriedigend beantwortet wurden:


1. was kann man donnerstag machen?
"Was denkt die Maus am Donnerstag, am Donnerstag, am Donnerstag?
Das gleiche wie an jedem Tag, an jedem Tag, an jedem Tag!", das wäre Josef Guggenmos' Antwort gewesen. Soll heißen: An Wurstbrot denken, sich Frühstück machen, zur Schule gehen oder zum Training, nachmittags Tee trinken, im November auch Laterne laufen oder ein Seminar geben. Und dann fangen donnerstags natürlich die neuen Filme an! Also: ins Kino gehen!


2. kostenlose blättergeschichte
Man kann natürlich am Donnerstag (oder Samstag) auch eine Blättergeschichte schreiben, vom kleinen gelben Ahornblatt, das im Herbst vom Baum geweht wurde und unten auf Kastanien traf und einen Igel. Und was es erlebte, als die ganzen winzigen Blätter von dem roten Busch dazukamen!
Vielleicht schreibt sie ja jemand in die Kommentare. Natürlich kostenlos.


3. pieseln und stau
Ja, ganz dumme Situation. Sind sie männlich oder weiblich? Das wäre zur Beantwortung dieser Frage hilfreich gewesen. Wenn das Stop and Go in einen kompletten Stillstand übergeht, wenn vielleicht sogar eine Vollsperrung durchgesagt wird oder auch schon, wenn der Stau die handelsübliche Schlangenlänge an roten Ampeln überschreitet, dann würde ich das Teetrinken im Auto umgehend einstellen.
Trotzdem, große Not? Wenn Stillstand ist: Verlassen Sie den Wagen, verkrümeln Sie sich über die Böschung und tun Sie es. Kein Stillstand? Ziehen Sie vorher Turnschuhe an, verabreden Sie mit dem Fahrer einen Treffpunkt für Notfälle und nehmen Sie Ihren Kompass oder wenigstens Ihr Handy mit. Keine Böschung, kein Grünstreifen? Nun, ich habe auch schon von Erleichterung zwischen zwei offenstehenden Autotüren gehört. Und eine Kollegin berichtete von einer zweckentfremdeten Kühltasche bei einem Stau im Tunnel. Aber darüber würde ich lieber nicht länger nachdenken. Zumindest nicht, wenn mir von dieser Dame ein Picknick angeboten wird.


4. fahrrad quietscht beim schieben was tun?
Einfachste Lösung: Fahrrad fahren, nicht schieben.


6. ich klaue geil
Warum erzählen Sie MIR das? Oder hey, Moment! War da nicht eben noch die Frage Nummer 5? Ich finde das eindeutig UNGEIL! Unterlassen Sie das und legen Sie alles wieder dorthin zurück, wo es herkam!
Menno.


7. komma - bedeutungsänderung?
Das versuche ich meinen Studenten auch klarzumachen. Es ist anscheinend nicht so einfach. Nehmen wir als Beispiel die vorige Suchanfrage: "ich klaue geil." Ohne Komma? Entweder das Bekenntnis "Ich klaue ein Geil" oder die Selbsteinschätzung eines Meisterdiebes: "Ich klaue so geil." Vielleicht aber auch mit Komma? Dann wäre es ein wowireskes "und das ist auch gut so": "Ich klaue, geil." Unter uns: Nö.


8. männersandalen peinlich?
Kommt sehr auf Ihre (Männer?-)Füße und die Jahreszeit an. Und ob sie (etwa) Socken darin tragen. Oder was Sie sonst damit vorhaben.


9. nudelbrücken
Ja, ich weiß auch nicht. Aber ich würde denen aus Stahlbeton mehr trauen.


10. und 11. matratzen rutschen auseinander / laminat rutscht auseinander
Die Frage zu den Matratzen habe ich schon mal beantwortet, aber jetzt mach ich mir doch Sorgen. Ihre Matratzen UND Ihr Laminat rutschen auseinander? Sind Sie sicher, dass Sie nicht auf einer kontinentalen Bruchkante wohnen und die Westseite Ihrer Wohnung sich langsam Richtung Amerika aufgemacht hat? Wenden Sie sich an ein geophysikalisches Institut Ihres Vertrauens.


12. oh masala die welt ist rund
Ja, ganz furchtbar. Mussten Sie auch mitklatschen?


13. schiefe absätze selber reparieren
Dafür empfehle ich, je nach handwerklicher Begabung, etwas Fimo oder aber einen Holzblock, dazu einen Hammer, Leim oder Nägel.
Variante Fimo: Einfach ein Absatz-Ersatzstück basteln, das die abgelatschte Stelle ersetzt, im Ofen backen und festkleben. Achten Sie auf eine zum Schuh passende Farbe.
Oder Sie entfernen den Absatz, nehmen ein Stück Holz (bei Stöckelschuhen geht auch ein Laternenstab, hochkant) und nageln ihn unter den Schuh. Achten Sie darauf, dass die Nägel nicht zu lang sind.


14. jim knopf heirat
Da wissen Sie mehr als ich! Im Ernst, der Junge heiratet? Wissen Sie auch, wer die Glückliche ist? Pippi Langstrumpf? Momo? Oder die Katze mit Hut? Bitte auch um Fotos!


15. laminat mit schwarzem tee wischen
Hier bin ich nur partiell zuständig. Als Friesin sage ich: Schwarzer Tee gehört getrunken! Und Haushaltsfragen sind nicht so meins, allerdings würde ich unvoreingenommen urteilen: Vielleicht ist schwarzer Tee nicht das Nonplusultra beim Putzen, aber er ist wohl besser für das Lamiat als Wischen mit Rotwein, Erdöl oder Reißnägeln.


16. konnten nicht wissen, dass
Was? Waaas?


17. voltaren auf die lippen voller
Sie meine, die Lippen wirken dann voller? Solange das Voltaren feucht ist bestimmt, kostengünstiger ist aber Vaseline. Die brennt auch nicht so, wenn sie kleine Risse in den Lippen haben. Und Voltaren ist zwar ein Medikamt, eine dauerhafte schönheitschirurgische Wirkung würde ich aber nicht erwarten.


18. erkläre wie lasagne schmeckt
Ok. Sie kennen Nudeln? Sie wissen, wie überbackener Käse schmeckt? Mal Spaghetti Bolognese probiert? Vielleicht auch Carbonara? Stellen Sie sich das alles zusammen vor, mit flächiger Pasta. Am leckersten bei meiner Mama, klar.


19. geil angezogene frau zu hause
Schön. Was surfen Sie dann noch hier?
(Oder wollen herausfinden, wer die wie oben beschriebene Dame ist, die Sie beim verfrühten Heimkommen bei Ihrem Ehemann vorgefunden haben? Weiß ich nicht, ich schwör.)


20. sylvester stallone wisst ihr ihn zu schätzen
Vermutlich nicht genug. Nein. Sorry.


21. vergleichsgöße angelhaken
Wenn das hier ein Fisch ist und das ein Wurm, dann etwa so. Würd ich sagen.


gerade noch reingekommen:
22. so geht's gemütlicher abend
Ja, so geht's! Ein Tee (trinken! Nicht Laminat wischen!), ein wenig bloggen, Baumkuchenspitzen, Musik an aber Fenster zu machen, nehmen Sie Ihren Teddy oder Partner mit aufs Sofa, ziehen Sie die kuscheligen Socken an. Nicht schlecht, oder? Alternativ lassen Sie sich von Frage 19 inspirieren.


23. schlussfloskeln
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Ich hoffe, wir konnten Ihnen ein wenig helfen.
Mach Sie sich noch einen schönen Abend.
Wir wünschen ihm für den weiteren Lebensweg alles Gute.
Über eine Einladung zum Vorstellungsgepräch würde ich mir sehr freuen.
Ciao ciao.

Mittwoch, 12. November 2008

Dienstag, 11. November 2008

Hilfsbereit


Am Wochenende hatte ich Chorprobe in der Musikhochschule der Landeshauptstadt, genauer gesagt im separaten Kammermusiksaal der Musikhochschule, der in einem unauffälligen Gebäude mitten in einem ruhigen Wohngebiet untergebracht ist. Ich hatte die Adresse nicht, nur einen Stadtplan mit einem roten Kreis darauf - irgendwo an dieser Kreuzung musste der Saal liegen, nur wo? Im einzigen großen Gebäude schien die Polizei untergebracht (das erwies sich als eine Fehleinschätzung, die Polizei stand dort wegen des prominenten Bewohners des Reihenhauses an der Ecke gegenüber, jenes ehemaligen hochrangigen Politikers), alles andere war privat, und kein Mensch war auf der Straße zu sehen und nirgendwo Hinweisschilder. Nur Laub und Sonne und ich. Nach ein paar Runden um den Block traf ich dann doch eine Frau mit zwei kleinen Kindern, die ich ansprach: "Wissen Sie, wo die Musikhochschule ist? Der Kammermusiksaal der Musikhochschule, er müsste hier irgendwo...", sie schüttelte heftig den Kopf, erklärte, sie könne das nicht sagen, sie wisse nicht. Sie griff nach meinem Pan und deutete dann auf die entsprechenden Straßen, "ist hier, ist hier". Ja. Ich versuchte, in ihr Blickfeld zu kommen, aber sie guckte auf den Plan, drehte ihn so, dass er der Perspktive entsprach und zeigte auf die Straßennamen und die Straßen um uns herum. Wo der Saal war, wusste sie nicht, und dass meine Antworten sinnlos waren, war schnell klar, sie hatte die etwas flächige Aussprache einer Gehörlosen und reagierte folglich nicht auf meine Worte, die sie nicht sehen konnte. Als sie mir schließlich den Plan zurückgab, zeigten wir uns beide zuversichtlich, dass ich das schon finden werde, ich machte die Gebärde für "Danke" und stand tatsächlich 20 m weiter vor dem Eingang zum Kammermusiksaal.

Das Problem war nicht die Kommunikation selbst, aber eine Gehörlose ausgerechnet nach einem kleinen Saal der Musikhochschule zu fragen, hat etwas von Volltreffer.

(Was mir dazu noch einfällt: Während der Paralympics habe ich die schwärmerische Anmoderation einer Partie Blindenfußball gehört. "Aber genug der Worte! Dieses Spiel müssen Sie einfach SEHEN! Und diese Spieler, eine echte Augenweide!")


Freitag, 7. November 2008

Schöner trennen


"eine kostenlose Stift und Waren-Testseite."


Hihi.

[Danke, "Summer07"]

Technikkarma [2]


Ok, ich lass das letzte Posting namens "Techni" mal so stehen. Passt schon. Denn die Technik und ich vertragen uns nicht wirklich gut. Das hat zum Teil sicher mit einem Desinteresse an bestimmten Zusammenhängen meinerseits zu tun, wie zum Beispiel am Zusammenhang von Hubraum und Fahrleistung. Überhaupt, Autos, ach. Aber eine Menge der Erlebnisse oder Zusammenstöße, die mich und Technik verbinden, sind so einfach nicht zu erklären. Dass bis gerade eben mein Internet nicht ging, liegt sicher teilweise schon an mir, weil ich nicht wusste, was der Unterschied zwischen WAP und WPE und so ist, und was ich davon brauche, und wo ich das herkriege, und.
Aber! Meine Freunde verdrehen vermutlich die Augen, weil die Liste meiner technischen Missgeschicke lang und absurd ist. Genauer gesagt handelt es sich um mich und Elektrogeräte. Ein in Flammen stehender Toaster? Meiner! Ein Laptop, bei dem versehentlich kein Lüfter eingebaut wurde? Meiner! Ein Computer, bei dem ein anderer Freund und Berater irgendwann meinte, "vom Balkon werfen" würde vielleicht helfen, sonst wisse er auch nicht? Meiner!
Ich kann inzwsichen Fernsehen empfangen, aber ZDF nicht. Unser alter DVD-Player kann die Schublade auf und zu machen, und tut das auch ausdauernd. Sonst aber nichts. Meine unkaputtbare Gangschaltung muss in diesem Jahr zum zweiten Mal ersetzt werden, geht leider nur noch einer von sieben Gängen. Keine Glühbirne erreicht die vorgesehene Lebensdauer, sie machen einfach "ping", wenn ich den Schalter umlege. Nur die von mir gekauften "Dinge"-Lampen in blau werden von Ikea zurückgerufen. Für die Reparatur meines von einem Blitz zerlegten Computers musste ich einmal nichts bezahlen, weil sich die Techniker so über das spaßige Gerät amüsiert hatten. "Ach lass mal, das war so lustig die Woche, wenn du das Material bezahlst, reicht das." Was damals passiert war? Der Blitz hatte fast nichts kaputt gemacht - nur die Tastatur ging zwar nach wie vor mit allen anderen Computern, nicht aber mit meinem. Mit meinem Computer ging nur noch eine andere Tastatur - WENN man dann noch einen amerikanischen Adapter dazwischenschaltete. Fragen Sie nicht. Den Grund kannten die Techniker auch nicht. Aber dafür pfiff der Tower, wenn man die Seitentür öffnete. Als ich den Computer abholen wollte, baten sie mich, noch kurz zu warten. "Der Andreas hat das Pfeifen noch nicht gehört, wenn du kurz Zeit hast, zeigen wir ihm das noch, hihi." Macht nur. (Seitdem fühle ich mich mit meinen Elektrogeräten wie eine Mutter ungezogener Kinder. Ja, das sind meine. Nein, ich finde es auch nicht gut.)
Gestern Abend ist eine der drei Glühbirnen der Deckenlampe in unserer kleinen Küche kaputtgegangen, einfach beim Anknipsen. Kurz bevor vorhin Herr Jodies vorbeikam, um nach dem neuen Patienten Laptop zu sehen, hatte ich dann gemerkt, dass sich dafür meine Kühl-Gefrier-Kombination in einen Schrank mit Licht verwandelt hatte. Auch schön. Aber nicht so gut für die tiefgefrorenen Sachen. Stecker war drin, dieses Licht funktionierte ja auch, aber er kühlte eben nicht mehr. Schade. Also habe ich den Nachmittag über gebacken und gebraten: zwei Apfelstrudel, jede Menge Fisch, eine Bratente. Dazu Sahne geschlagen, die Eier sollte ich vielleicht auch hart kochen. Den gebratenen Fisch hat die Nachbarin zusammen mit dem Spinat und den Himbeeren bei sich wieder eingefroren, den einen Apfelstrudel mit Sahne bin ich portionsweise bei verschiedenen Nachbarn losgeworden, Pizza wollte keiner, fürs Eis wars zu spät. Kurz nach der Brat-Koch-Back-Aktion bekam ich den Tipp, einfach mal den Stecker rauszuziehen und wieder einzustecken. Ich bin auf den Stuhl geklettert, die Steckdose ist oben über dem Kühlschrank, er ging auch raus - und mit ihm die ganze Plastikabdeckung, die leider bevor ich zugreifen konnte, hinter den Kühlschrank und damit komplett hinter die Einbauküche fiel. Tja. Selbst wenn er sich durch Einstecken wieder aktivieren ließe, auch das nun schwierig.
Der Laptoparzt kam, ich führte ihn kurz in die Küche, weil ich ihm Torte des besten Konditors der Stadt versprochen hatte, auch er wollte über diese hinaus keine Pizza und keinen Fisch und keinen ganzen Apfelstrudel. Kaum war ich durch die Tür, flackerte das verbliebene Deckenlicht und begann das Radio zu knistern und zu rauschen.
Vielleicht verstehen Sie nun, warum meine Eltern mich bis heute empört anrufen, wenn bei ihnen zu Hause ein Elektrogerät kaputtgeht. Auch wenn es eine vollkommen elektronikfreie Thermoskanne ist, die zerspringt, während ich 14.000 km weit weg bin.
Sollte sich Ihr Computer beim Lesen dieses Blogs merkwürdig verhalten, plötzlich das Licht ausgehen oder Ihr Fernseher implodieren, besuchen Sie besser eine andere Seite befreundeter Blogger. Ich bitte im Voraus um Entschuldigung.

Techni

Technikkarma [1]

Hurra!
Dieser Herr ist ein Held! Ich habe wieder Internet, und zwar - Trommelwirbel - auf meinem UND Percantos Computer, mit UND ohne Kabel, im Keller UND oben.
Hurra! Danke!

Dienstag, 4. November 2008

Montag, 3. November 2008

Entrüstung


Hätte ich die Dame an der Infotheke des Rathauses um die Portokasse, ihr persönliches Tagebuch oder eine CD mit allen sensiblen Daten der Bürger dieser Stadt gebeten, ihre Entrüstung hätte nicht größer sein können als bei meiner Frage nach einer weiteren Rolle gelber Säcke, weil ich unserer Nachbarin auch welche mitbringen wollte.
Bitte gehen Sie weiter. Jeder nur ein Kreuz.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Erzieherische Maßnahme

Unser Briefträger erzieht uns. Oder er versucht es, und mit jedem seiner Versuche werde ich grantiger und unwilliger, und das zeigt vielleicht, wie schwierig Erziehung ist. ("Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts", steht am Kühlschrank meiner Mutter.)

Wir wohnen nun in der neuen Wohnung. Auf Bitte der sehr netten Tochter unserer verstorbenen Vermieterin belassen wir den Namen der Vormieterin und ehemaligen Besitzerin einstweilen an Tür und Briefkasten, wir warten noch auf ihren Nachlass, der mit einem uns unbekannten Unternehmen aus dem Ausland geschickt wird und darum wahrscheinlich nicht vom Nachsendeauftrag bei der Deutschen Post erfasst wird.
Ein solches Handeln scheint von den dort angestellten Beamten nicht im Dienstablauf vorgesehen zu sein.

Schon bevor wir dort wohnten, hatte uns jemand, heute wissen wir: der Briefträger, das Namensschild der Vormieterin abgebaut und in den Briefkasten geworfen. Auf dem ersten Brief, der ebenfalls vor unserem Einzug ankam, stand handschriftlich vermerkt: "Bitte Briefkasten beschriften!" Taten wir, ist ja in unserem Interesse. Also klebten dann provisorisch auf einem Zettelchen drei Namen am Briefkasten: "Percanto", "Percanta" und "Frau Vormieterin". Einen Tag später war der Name der Vormieterin mit Kugelschreiber durchgestrichen, aber noch lesbar. Zwei weitere Tage später habe ich alle Schilder ordentlich gemacht, die ganze Klingelanlage wirkt so säuberlich, also unsere Namen ("Percanto / Percanta") getippt und in die dafür vorgesehenen Fächerlein geschoben. "Frau Vormieterin" schrieb ich auf einen gesonderten Zettel und klebte den daneben. Mit zwei Stück Tesafilm, sicherheitshalber.
Diese Renitenz scheint unseren Briefträger nun richtig wütend zu machen: Heute morgen war "Frau Vormieterin" mit einer ganzen Krickelkrakelwolke aus blauem Kugelschreiber durchgestrichen, übergemalt, unsichtbar gemacht.

Ich werde unserem Briefträger wohl mal einen Brief schreiben müssen.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Kisten, Kruscht und frische Farbe

Wir sind umgezogen, wir haben tatsächlich alles in die neue Wohnung geschafft und um die Kistentürme auch noch einen schmalen Gang zum Drumherumlaufen. Ein paar Fenster sieht man auch schon hinter den Bücherstapeln. Eigentlich hatten wir größere Mengen Sperrmüll und normalen Müll und Altkleider und Papier und Atommüll aussortiert, aber es ist immer noch unfassbar viel, was wir über die Jahre so angesammelt haben.
Noch nicht aufgetaucht ist bisher außer unseren beiden Lieblingstassen der Telefonanschluss - und damit natürlich kein Internet, darum auch nur Notbloggen aus der Uni. Da bin ich auch gerade umgezogen, und die Unifarbe riecht viel stärker als unsere im neuen Zuhause, dafür habe ich hier weniger Kartons. Was nicht zuletzt auf meinen lieben Kollegen und Büronachbarn zurückzuführen ist, der meine Dinge vorsortiert hat: die Guten in sein Töpfchen und die Schlechten auf den Flur. Aber ich hatte mich ja gerade beschwert, dass ich zu viel Kruscht habe. Reduzieren lassen durch Diebstahl, Vandalismus und Umzugsschäden, das ist das neue Zauberwort.
Bald wieder mehr, zum Beispiel zur Frage: Wie viele Teekannen braucht ein Friese?

Montag, 13. Oktober 2008

Stau


Ferienende, Semesterbeginn, Schwangerschaftshalbzeit, letzte Woche im alten Zuhause. Es staut sich ein bisschen, alles.
Überhaupt ist die letzten Wochen sehr viel passiert, zu viel und zu fordernd zum bloggen (anscheinend), klauende Kollegen und zickende Nachmieter, lauter Dinge, die man nicht dringend braucht, aber immerhin komme ich inzwischen wieder dazu, Belangloses zu schreiben, ein Anfang. Belanghaftes dann vielleicht auch wieder. Dann.

Heute habe ich 13 Kisten gepackt, einen Müllsack gefüllt und eine Alpapierkiste, Percanto hat zwei Kisten gepackt, die aber bestimmt ordentlicher als ich meine. Heute waren die Treppenhausmaler da und haben die Tür lackiert und mir Farbe verkauft, und der Möbeltransporterverleiher war da und hat die Größe des benötigten Wagens geschätzt und in den Kleiderschrank geguckt, zum Glück auf Percantos Seite, die ist ordentlicher. Nicht da war die Post, und die Zeitung auch schon wieder nicht. Nachsendeauftrag läuft aber erst ab nächster Woche, also kann ich unter "E abmelden" und "Krankenkasse" und "Techem" auch "mal wieder bei der Zeitung anrufen" schreiben.
Dann bin ich mit dem Rad, wo schon wieder die Gangschaltung kaputt ist (bevor ich die Sachen unauffindbar einpacke, sollte ich die Quittung der letzten Gangschaltung raussuchen), durch einen strahlend goldenen Vormittag gefahren und habe mich darauf gefreut, gleich das zappelnde Wesen in meinem Bauch zu sehen. Bei meiner Ärztin habe ich das Baby vermessen lassen, seine Händchen, Füße und seinen Bizeps bewundert und seine Zunge gesehen. Nieren hat es auch, und Rippen und Wirbel und ein gleichmäßig mit 150 Schlägen pulsierendes Herz. Großes Glück. Ganz großes Glück.
Heute hat sie nicht mehr wegen der geringen Gewichtszunahme geschimpft, und einen Bauch habe ich jetzt ja endlich, sie jedenfalls fand das auch.
Als ich kurz in der Uni war, waren dort neue Sachen ins Büro geschwemmt worden, Einlegeböden für Karteikästen und ein Simpsons-Radiergummi, aber noch immer nicht alles, was mir gehört. Ich habe noch schnell die Chefin vom Ganzen überfallen und sie um eine Einschätzung der Situation gebeten, schwierig, eigentlich gehörte der liebe Kollege in die Psychiatrie. Wir schlafen nochmal drüber. Im Gegenzug hat sie mich überfallen und gefragt, ob ich nicht ab Mittwoch auch die Einführung in spanische Linguistik übernehmen will. Ob sie vielleicht auch für französische Landeskunde jemanden braucht?, fragte ich, oder portugiesische Didaktik?, schon, aber Linguistik hätte ich doch wirklich studiert, und zwar - das war der Bezirz-Teil, klar - ausgezeichnet, sonst würde sie mich ja nicht fragen. Schwupp hatte ich zwei Einführungen im Arm und auch dafür bis morgen Zeit, mir das zu überlegen.
Jetzt habe ich Milchreis gekocht mit dem letzten Topf, den ganzen alten Kakao weggeworfen und weiter gepackt und sortiert und die Nachbarn gefragt, ob sie mit der Entscheidung weiter gekommen sind, ob sie unsere Küchenmöbel wollen (sind sie nicht), und Beate hinterhertelefoniert, ob sie ihren Herd zurückwollen, aber Beate ist nicht da.
Und da es jetzt streng auf Mitternacht zugeht, sollte ich vielleicht mal anfangen, mir zu überlegen, was genau ich 14 Wochen lang mit zwei verschiedenen Seminargruppen unternehmen will. Und was ich morgen Nachmittag den kleinen Erstsemestern repektive den Senioren am Vormittag dazu erzähle. Und das Buch lesen, was wir zuerst behandeln. Und mich mit der neuen Literaturwissenschaftseinführung vertraut machen.
Und mir, bevor ich dann abends zum Streichen in die neue Wohnung fahre, vielleicht besser aus dem Kopf schlagen, auch noch ein Fach zu unterrichten, mit dem ich mich seit 5 Jahren nicht befasst habe. Oder?


Sonntag, 12. Oktober 2008

Zitat


"man kann ja über den haider sagen, was man will. am ende hat er das richtige getan. ein leuchtendes vorbild für die ganze rechte szene."


mspro via Twitter, 11. Oktober 2008.

Freitag, 10. Oktober 2008

Ein gemütlicher Abend zwischen 50 Umzugskartons


Genauer: 48 Umzugskartons, leer, und 2 Umzugskartons, gepackt.

Für die Kartons ist es der dritte Umzug, deshalb muss ich aufschriftenkompatibel packen. Angefangen habe ich mit "Glas" (haben wir), "ZERBRECHLICH!", haben wir auch, und "Glas, Eckvitrine", haben wir nicht.
Zwei Kartons sind allerdings nicht viel für einen Abend, und ich werde mir morgen einen Stapel identischer Anzeigenblättchen organisieren. Denn Geschirr einpacken geht vermutlich schneller, wenn man dafür nicht die gestrige ZEIT und die heutige FAZ von Freunden verwendet.
(Hat jemand das Sudoku im ZEIT-Magazin gelöst?)

Donnerstag, 9. Oktober 2008

FÜR IHRE VERGANGENHEIT AUFWANDSMELDUNG!

Ich verstehe ja nichts von Geld und Aktien und Lehman und Krediten, aber hey, das Angebot hier klingt doch seriös und vertrauenswürdig. Auch im Lichte der unten genannten. Mein Mailprogramm meinte auch, es sei von einem "Freund und Bekannten". Da mach ich glaub ich mal was. Schließlich wurde everything perfekt gemacht.

Lieber Freund,

Es ist mir eine große Freude, erreichen Sie nach unserem erfolglosen Versuch auf unser Geschäft Transaktion. Nun, ich möchte nur mit diesem Medium zu danken Ihnen sehr für Ihre frühere Hilfe, um mich in der die Mittel erhält.

Ich bin verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, dass ich es gelungen, in der die Mittel erhält mit Hilfe eines neuen Partners aus Südamerika Mr.Alfredo Gomez
Castillo.Everything wurde perfekt gemacht, weil wir einen Deal mit einem der Lady Accountant, der arbeitet, mit dem Bundesministerium der Finanzierung (FMF), und sie erzeugte eine enorme Hilfe zu us.My neuen Partner initiiert diese Idee und alles erarbeitet erfolgreich.

In Anerkennung Ihrer früheren Hilfe für mich in der die Mittel erhält, habe ich beschlossen, kompensieren Sie mit der Summe von 800.000,00 (USD) in einer Kasse des Entwurfs.

Dies ist aus meiner eigenen Aktien. Ich habe diese einfach zu zeigen, Dankes an Sie für Ihre freundliche Unterstützung und Hilfe, auch wenn wir keinen Erfolg haben könnte wegen bis zu einem gewissen unvorhersehbaren Umständen. Zur Zeit bin ich in Paraguay für Investitionen mit eigenen Aktien im Rahmen der Beratung von meinem Partner.

Im Lichte der oben genannten, Sie sind daher zur Kontaktaufnahme mit meiner persönlichen Sekretär in Cotonou Benin Republik Sein Name ist Bob Rev Chidi, und senden Sie ihm Ihre Kontaktadresse, wo Sie wollen, dass der Entwurf zusenden zu lassen. Unten ist die
Kontakt Informationen von meiner Sekretärin:

1. Vollständigen Namen :.....................
2. ADRESSE :.................................
3. SEX :.....................................
4. AGE :.....................................
5. BERUF :..............................
6. E-MAIL-ADRESSE :..........................
7. TELEFON :........................
8. MOBILTELEFON :............................
9. STATE :...................................
10. LAND ..................................

Rev Bob Chidi E-Mail: ( revbobchidi@gmail.com ) CALL +229 971 35 690.

So fühlen sich frei, nehmen Sie Kontakt mit ihm, um den Entwurf für Sie ohne Verzögerung ok.

Meine besten Grüßen,

Frau Jane Williams.

Montag, 6. Oktober 2008

Kinder, unsortiert

Percanto zeigte den Kindern im Kindergarten - seine Gruppe trägt den schönen Namen "Baustelle" - mit einem Beamer Fotos von einem gemeinsamen Ausflug. Da man alles didaktisch einführen und keine Gelegenheit zum Welterklären auslassen sollte, gab er die Frage nach dem Unterschied zwischen "Beamer" und "Kino" an die Gruppe weiter.
Gemeinsames Grübeln, kurz, dann meldete sich ein Junge: "Im Kino gibt es Popcorn."

* * *

Am Wochenende war das Familientreffen der gesamten Sippe mit mehr als einem Dutzend Kinder unter 1,50m. Viele der Mädchen trugen modegerecht Röckchen und Stiefel, so auch Sophie, 6, ein sehr schickes Paar brauner Wildlederstiefel. Sie putzte sie mit Hingabe an der Schuhputzmaschine im Keller des Hotels und nötigte Percanto, dort auch seine alten Turnschuhe zu putzen, "aber zuerst eincremen."
Percanto lobte ihre Stiefel, die seien wirklich besonders schön, geputzt oder ungeputzt.
Sophie beugte sich zu ihm und senkte die Stimme: "Ja, und teuer, der Papi hat auch sehr geschimpft."

* * *

Beim gleichen Familientreffen, im gleichen Keller, Toilettentrakt. Aus der Herrentoilette kam lautes Kinderweinen, ich näherte mich, hörte keine weiteren Stimmen, sah dafür aber Blut an Tür und Klinke. Ich klopfte kurz und rief "hallo", es hätte ja auch sein können, dass da außer dem Kind auch der Vater war und eventuell andere Männer. Das Weinen verstummte augenblicklich und ein kleiner, nicht zur Familie gehörender Junge im Anzug, der so gerade an die Klinke kam, öffnete mir. Das Gesichtchen verweint und die Lippe blutig, "ich bin hingefallen", schluchzte er. Ich nahm ihn in den Arm, tröstete ein wenig und sagte, "komm, wir gehen hoch und suchen Deine Eltern, ja? Zu wem gehörst Du denn?" - "Zu meiner Mami..."

* * *

Wunderbare Blättergeschichte mit dem Gregorzwilling im Hotel Mama.

* * *

Die Taufe meines zweiten Patenkindes fand im Rahmen eines zunehmend langen und weiligen und unfestlichen "Kinder- und Familiengottesdienstes" statt. Der Mutter, die eine klassische Sängerin für eine Bach-Arie engagiert hat, war das Unbehangen deutlich anzumerken, tapfer sangen wir uns durch alle Strophen "Danke" (für diesen schönen Morgen), klatschten auch beim "Spatzenchor" und seinem "Oh Masala, die Welt ist rund" mit und klimperten auf Kommando mit den Schlüsselbunden, wurden bei einem Predigtersatz mit zwei Handpuppen, die nicht auf den Punkt kamen, ähnlich unruhig wie die vielen Kinder, und verloren jedes Verständnis, als lange nach dem toten Punkt aus den früh von den Kindergartenkindern nach vorne gebrachten Früchten noch ein "Mandala" gebastelt werden, dieses mit bunten Seidentüchern verziert und dann von den Kindern unter vielfachem Absingen von "Vom Aufgang der Sonne" umtanzt werden sollte. Auch bei den beteiligten Kindern waren deutliche Müdigkeitserscheinungen erkennbar. Als einer der wachen Jungen das von den Handpuppen zurückgelassene Mikrophon enterte und in den Schlusssegen (es nahte dann doch ein Ende) mit kippender Stimme ein fröhliches "Hallo hallo!" rief, sprang eine Furie aus der Bank, riss ihn herunter und drückte ihn mit ihrem Gewicht auf den Boden. Es war wohl seine Mutter. Der Rest der Gemeinde hielt entsetzt den Atem an; Kind und Mikrophon haben den Angriff überlebt.
Ach ja, irgendwann zwischen "Masala" und "Mandala" wurden in einem schnellen und überaus unfeierlichen Aufwasch drei Kinder getauft, das war ja der eigentliche Anlass für den Festgottesdienst. Mein Patenkind war neben der etwas penetranten, klatschenden und tanzenden Kindergärtnerin als einziger der ganzen Gemeinde bester Stimmung, zeigte mit fröhlichem "da!" auf das Wasser im Taufbecken und hat sich mit seinen neun Monaten überhaupt prächtig amüsiert. Sein Bruder dagegen, zweieinhalb Jahre, machte seinen Eltern kurz vor Ende des vermeintlichen Kindergottesdienstes einen konstruktiven Vorschlag: "Papi, unser nächstes Baby taufen wir einfach zu Hause, ja?"

Montag, 29. September 2008

Jetzt neu:

Ein Bäuchlein.

[Oder, wie Percanto sagte: eine Beule.]

Donnerstag, 25. September 2008

Kompliziert

J, bald zweieinhalb Jahre alt, ist gerade in der schönsten Warum-Phase. Es ist ja auch alles nicht so einfach. Warum fällt die Käsescheibe um? Warum ist es kälter? Warum wird es Herbst? Warum kommt Papi später? Warum muss er noch arbeiten? Warum bin ich noch klein? Warum spiele ich mit dem Bagger? Warum macht mir das Spaß?
Wir sitzen zusammen auf dem Sofa und gucken uns eines der Wimmelbücher an, was macht der Hund da? Und was sagt der Mann dann? Warum sagt er das?
Zwischendurch entschuldige ich mich, ich müsse mal kurz aufs Klo.
"Warum musst Du aufs Klo?"
"Ich muss mal eben pieseln."
"Hast Du auch ein Schwänzchen?"
"Nein, ich habe kein Schwänzchen."
"Warum nicht?"
"Ich bin eine Frau, und Frauen und Mädchen haben kein Schwänzchen."
"Aber wie kannst Du dann pieseln?"
"Hm, das geht trotzdem... einen, nun, Ausgang haben wir schon."
"Ich komme mal mit."
Besser ist das. Wir gehen also zusammen aufs Klo, er begleitet uns öfter, selbst aufs Töpfchen zu gehen ist ihm aber suspekt und kommt ohne Windel und hochgezogene Hose gar nicht in Frage.
"Ich stell mich mal hier hin", sagt er, guckt im Wechsel interessiert in die Badewanne und mir zu. Als ich die Hose zumache, schüttelt er den Kopf.
"Aber wenn Du eine Frau bist, warum hast Du dann einen Gürtel?"
Die Welt ist ein komplizierter Ort.

Samstag, 20. September 2008

Vigila de Pingüinos 2008

Wie letztes Jahr im September kann man nun wieder, seit gestern und noch bis morgen, live über verschiedene Webcams die Ankunft der Pinguine in Chubut, Patagonien, Argentinien verfolgen.
Stundenlang.

Ich hätte gerne so einen, bitte.

[Vorankündigung: Im Mai kommen dann wieder die Wale]

Donnerstag, 18. September 2008

Kinder


Wenn das deutsche Durchschnittspaar 1,4 Kinder hat, heißt das wohl - da ich wenig knapp halbe Kinder kenne und auf dem Spielplatz vorwiegend entzückende Geschwisterpärchen zu beobachten sind, erst ein rosa, dann ein blaues Kind, oder umgekehrt, und wenige mit zwei oder mehr Geschwistern -, dass es sehr viele Einzelkinder gibt. Ich bin mit einem solchen verheiratet, das allerdings aus einem Land kommt, in dem ein Einzelkind ein naher Verwandter des Einhorns sein muss, zumindest was die Verbreitung angeht, und so richtig geplant war das wohl auch nicht. Er meint, das sei nicht schlimm, er hätte niemanden vermisst, aber so wie er sich um seine Freunde kümmert, ein Hütehund, der die Herde zusammenhält, so wie er sich in seine Ersatzfamilien integriert hat mit seinen Leihbrüdern, so denke ich doch, hätte er sie gehabt, den Bruder, die Schwester, er wüsste schon, was ihm fehlt.
Seine Mutter ist dafür die Jüngste von zwölf, und ein Glück, dass die Eltern so lange ausgehalten haben, denn was wäre sonst mit dem Einzelkind an meiner Seite und dem Wesen von 14 cm in meinem Bauch.
Heute waren wir auf einer Beerdigung, und wenn es außer der sowieso oft von mir gehaltenen Plädoyers für Geschwister noch einen guten Grund für mehr als ein Kind gebraucht hätte, dann mag der Anblick der Tochter der Verstorbenen genügt haben, sich Brüder und Schwestern für sein Einzelkind oder sein Erstgeborenes zu wünschen.
Die Frau, der die Trauerfeier galt, war nicht alt, sie lebte seit über 20 Jahren von ihrem Mann getrennt, hatte nach der Trennung damals ihre kleine Tochter mit nach Deutschland genommen und sie hier alleine aufgezogen. Vielleicht wollte sie mehr Kinder haben, aber dann kam die Trennung dazwischen, vielleicht wollte sie auch nur dieses eine, die Herzenstochter, weil es ihr selbst mit sechs Kindern zu Hause viel zu viel war, ich weiß es nicht, ich werde es auch nie erfahren. Gestorben ist sie nun wieder in dem Land, wo ihr Mann lebte und wo das Kind geboren wurde, ihr Herz hat einfach aufgehört zu schlagen, eine Woche, nachdem sie dort noch einmal neu anfangen wollte.
Die Tochter ist jung und schön, enthusiastisch und stark. Und selten habe ich einen Menschen gesehen, der inmitten anderer so alleine war wie diese junge Frau. Die Traueranzeige war nur von ihr unterschrieben, im Gottesdienst sprach der Pastor außer ihrer toten Mutter nur sie mit Namen an, neben ihr saßen wohl die Onkel und Tanten, doch sie ging als erste und allein den Mittelgang der Kapelle hinunter, schluchzend und das Gesicht rotfleckig. Auf dem Vorplatz stand sie mit Abstand zu Familie und Freunden, die sich alle gegenseitig hielten, und erwartete die Kondolenzen, alle umarmten sie, nur sie, denn wer zur Familie gehörte, war dort nicht mehr zu erkennen, zwischendurch stand sie mit hängenden Schultern, allein in der Septembersonne. Mehr als um den frühen Tod der Frau, die beerdigt wurde, habe ich heute um die Einsamkeit ihrer Tochter geweint.


Kommentar

Dienstag, 9. September 2008

Alles anders, alles neu


Heute ist der 9. September 2008. Ein Dienstag im Altweibersommer.

Oder genau 2 Monate nach der Disputation, siehe oben rechts.
Oder der 16. Elul 5768.
Oder (glaube ich) der 8. Ramadan 1429.
Oder der 28. August 2008 nach dem Julianischen Kalender, und in China ist Jahr der Ratte. Heute ist der Tag nach dem Tag, an dem die Schwalben wegflogen (das tun sie an Mariä Geburt), oder der Namenstag von Sergio und Omar.

Aber wir rechnen jetzt anders. Für uns ist heute vor allem: 15 + 2.


Samstag, 6. September 2008

Collecting things

Ich habe wirklich sehr lange gebraucht, bis ich kapierte habe, was 'Baumán' ist.
Und was eine Bauman-Sammlung.

Mittwoch, 3. September 2008

Total uninspiriertes Ersatzbloggen

Ich will ja. Ich hatte auch Ideen. Aber.
Und jetzt, was soll ich jetzt über Olympia bloggen? Kann ich gleich über die WM, oder über Damals.

Statt dessen schreib ich mal wieder von Skype ab.
Heute aber ohne Pointe:

[...]
[02.09.2008 12:11:17] Isabo : sollen wir eingetlich mal wieder bloggen?
[02.09.2008 12:11:22] Isabo : *seufz*
[02.09.2008 12:11:25] Percanta : öh
[02.09.2008 12:11:26] Isabo : total uninspiriert
[02.09.2008 12:11:29] Percanta : was ist bloggen?
[02.09.2008 12:11:37] Isabo : so internettagebuch
[02.09.2008 12:11:41] Isabo : mit katzenbildern
[02.09.2008 12:11:48] Percanta : ist das seriös?
[02.09.2008 12:12:09] Isabo : nee
[02.09.2008 12:12:14] Isabo : total peinliche sache
[02.09.2008 12:12:23] Isabo : für gelangweilte hausfrauen und erfolglose selbstdarsteller
[02.09.2008 12:12:27] Percanta : vielleicht sollt man das gar nicht anfangen
[02.09.2008 12:12:32] Isabo : besser, ne?
[02.09.2008 12:12:33] Percanta : man lernt bestimmt nur komische Leute kennen
[02.09.2008 12:12:37] Isabo : ih!
[02.09.2008 12:12:41] Isabo : wie, in echt, meinst du?
[02.09.2008 12:12:46] Isabo : im wirklich leben?
[02.09.2008 12:12:48] Isabo : leute aus dem internet?
[02.09.2008 12:12:52] Isabo : kann ich mir nicht vorstellen
[02.09.2008 12:12:56] Isabo : das wäre ja total komisch
[02.09.2008 12:12:59] Isabo : geradezu pervers
[02.09.2008 12:13:13] Isabo : das sind doch alle pickelige nerds
[02.09.2008 12:13:13] Percanta : die haben bestimmt alle einen Vogel
[02.09.2008 12:13:19] Isabo : verklemmte und so
[02.09.2008 12:13:28] Isabo : sozialgestört
[02.09.2008 12:13:42] Isabo : die sitzen doch nur dauernd vor dem computer, weil sie mit echten menschen probleme haben.
[...]

Bloggen. Sehr suspekt. Ich denk nochmal drüber nach.
Vielleicht fällt mir dabei was ein.

Freitag, 22. August 2008

Jetzt:

Weg von den, nun ja, singenden Männern vor der Kneipe unten (13.20, und sie fangen nicht gerade erst an), raus aus dem komplett eingegipsten Treppenhaus, für einige Tage fort aus dem Binnenland. Jetzt:
Hamburg!

Mittwoch, 20. August 2008

Metalimerick [4]

Ein gestern im Theater (nach gefühlt 100 Jahren wieder im Theater gewesen) in der Pause gehörter Limerick, der eigentlich natürlich ein lupenreiner Metalimerick ist und in die Galerie des ehrenwerten VHMLH (Verein zur Huldigung des Meta-Limericks, Hamburg) gehört:

There was a young lady of Ireland
Whose limericks never did rhyme.
They start with a word
And are always too short.

Mittwoch, 13. August 2008

Olympische Fragen [1]

* Wieso sind 4 Goldmedaillen doppelt so viel wie 0 Goldmedaillen, ZDF?

* Warum tragen die Beachvolleyballerinnen Rosa, und nicht wie der Rest des Teams Variationen aus Schwarz-Weiß-Rot-Gelb? Zum Trost, weil es keine Ponys mehr für sie gab?

* Warum nehmen die Turmspringer ihre Handtücher mit unter die Dusche?

* Wo liegt eigentlich die kleine Nation Panamerika, aus der die Degenfechterin Jiménez (PAN) kommt, ARD?

Montag, 4. August 2008

Haushaltstipps für Heimkehrer

Ist der kurze Urlaub schon wieder vorbei? Liegt die schönste Zeit des Sommers schon hinter Ihnen? Um die Ferienzustimmung noch ein wenig ins eigene Heim zu verlängern, bedarf es nur weniger Utensilien und kaum Vorbereitung!
Denken Sie einfach daran, vor dem Urlaub den feuchten oder nassen Wischlappen nach unten in den Putzeimer zu knüllen. Lassen Sie den so präparierten Eimer im Badezimmer stehen, schließen Sie am besten die Tür. Wenn Sie nach Hause kommen, wird das Bad so vertraut feucht-modrig riechen wie das dänische Ferienhaus Ihrer Kindheit!
Sie können den Ferieneffekt im eigenen Zuhause noch steigern, wenn Sie direkt nach der Ankunft die Strandtasche im so vorbereiteten Badezimmer ausschütteln, ein wenig Sand kann auch unmittelbar ins Bett appliziert werden. Nutzen Sie außerdem die klammen und sandigen Handtücher aus den Ferien weiter, und die Urlaubsillusion in den eigenen vier Wänden ist perfekt.

Mittwoch, 30. Juli 2008

Noch mehr Spaß vor unserer Tür

Letzte Nacht keine Zeitungsdiebe, sondern Fahrradzerstörer. Wir haben gerade eine bunte Folge von Flohmarkt der Nachbarn und Sperrmüll vor der Tür, außerdem stehen im Hof und an der Straße die Fahrräder von uns und den anderen Bewohnern, seit uns unser herziger Vermieter verboten hat, sie im Keller aufzubewahren.
Heute Nacht um zwei wurde ich vom hysterischen Gekicher mehrerer Männer unter meinem Fenster wach, dazu rhythmisches Scheppern einer Fahrradklingel. Sie diskutierten kurz darüber, ob besser "dies" oder "das hier", lautes Kichern, Krachen und Klirren, Metall auf Metall, dann zerrte einer von ihnen - ich inzwischen am Fenster - ein Fahrrad aus dem Durchgang hervor. Zwei liefen voraus, der dritte trat das Fahrrad voran, das offenbar noch an einer Stelle ein Schloss hatte und sich nicht einfach schieben ließ - Tritt, Scheppern, Quietschen, Tritt, Scheppern, Quietschen, die drei Männer machten sich fast nass vor Lachen, bei jedem Tritt des Dritten gegen das Hinterrad oder Tretlager gingen die ersten weiter in die Knie, lachend und nach Luft schnappend. Das Fahrrad klang entsetzlich. Ich überlegte, was ich tun sollte, doch sie kamen nur ein paar Meter weit, dann rief ein anderer Nachbar aus dem Fenster, er würde die Polizei rufen, sie ließen das Rad mit einem letzten Krachen fallen und rannten laut lachend über den Hof ins Dunkle.
Heute morgen lag das Fahrrad mit verdrehten Rädern und zertretenem Kettenschutz auf dem Weg.
Ich will hier weg.



Sonntag, 27. Juli 2008

voll geil


Wir wohnen in der Innenstadt, unsere besprayte, dreckige, beklebte und beschriebene Haustür liegt in einer alten Hofdurchfahrt, die Pennern als Regenschutz dient, guten Bürgern als Müllablage und Hunden als Toilette, und allen Leuten zwischen Innenstadt und Parkhaus als Durchgang. Manchmal, wenn ich - anständig angezogen, nett und adrett - das Haus verlasse oder am Briefkasten stehe, werde ich mit offenem Mund angestaunt. Exemplarisch der Kommentar eines kleinen Mädchens: "Mama, kann man dahinter WOHNEN?!"

Schon, auch wenn Penner, die einem den Keller vollkotzen, geklaute Fahrräder, eine eingetretene Haustür und mit Böllern aufgesprengte Briefkästen nicht nur Freude bereiten.
Unser Schlafzimmer liegt genau über dem Durchgang, und als ich heute Nacht um 4 im Bett lag und hellwach in den sich aufklarenden Himmel schaute, kam unten ein Grüppchen junger Leute vom Feiern zurück, offenbar drei Männer und eine Frau. Die Akustik im Hof ist ausgezeichnet. Sie lachten und redeten, und als sie durch den Durchgang kamen, kommentierte die Frau: "Und hier kann man voll geil Zeitungen klauen!" Alle lachten, nur einer der Männer meinte, mit wem sie sonst so zusammen sei, er würde eigentlich keine Zeitungen klauen, Gelächter, "voll geil", sie freute sich wie über eine gute Pilz-Stelle, klar, eine Zeitlang gab es eine ganz gute Auswahl (Süddeutsche, Spiegel, Frankfurter Sonntagszeitung), der Briefkasten draußen, aber schön regengeschützt und so bequem auf dem Weg.
Leider habe ich das gekippte Fenster nicht schnell genug aufbekommen, um ihr meine Wut hinterherzurufen, dass das unsere Zeitungen gewesen seien, dass da tatsächlich Leute wohnen, die übrigens morgens im Schlafanzug auf die Straße laufen, um sich die Frühstücklektüre zu holen und dann kopfschüttelnd in die Wohnung zurückkommen, und dass wir die Sonntagszeitung auch darum nicht mehr abonniert haben, weil wir zu selten was davon hatten, denn mindestens jede zweite Woche hatte sie jemand, der diesen Service voll geil findet, vor uns aus dem Kasten genommen.

Sonntag, 20. Juli 2008

Medley

J., 2 Jahre alt, und ich spielen mit Duplo. Aus dem Tor wird ein Kran wird ein Haus wird ein Bett wird ein Auto. Mit diesem Auto fahren J.s rechte Hand "Papa" und J.s linke Hand "J." halsbrecherisch hinter der Feuerwehr her und bauen dabei einen schweren Unfall. Die linke Hand "J." liegt verletzt auf dem Boden und jammert.
Ich komme mit dem Krankenwagen angebraust, streichle den kleinen Patienten "linke" Hand" alias "J." und sage "Heile, heile, Segen...". Sofort kommt J.s kleine rechte Hand dazu, hochkant schiebt er sie auf seinem linken Handrücken hin und her und ergänzt den Reim: "... voller Tücke in die Brücke eine Lücke!"
Textsicher.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Wenn das Volk keine Knödel hat

Wir hängen im Winter immer einen Meisenknödel ans Küchenfenster, den wir an einen an die Fassade genagelten und getapeten Laternenstab knoten. Stab und Knödel sind sehr nah am Fenster, aber inzwischen wissen die Meisen, dass wir drinnen da nur sitzen, und sie drücken sich auch nicht ihre Nasen zu Wellensittichschnäbeln platt. Im Sommer hängt zwar kein Meisenknödel, aber die Meisen können dort landen und verschnaufen und in die Küche gucken. Das tun sie offenbar, jedenfalls kennen sie sich bestens bei uns aus.
Wir hatten Bauarbeiter am Haus, die die Fassade neu gemacht haben, dabei haben sie viel Dreck gemacht, wie die Meisen auf einem Baugerüst am Küchenfenster gesessen, zu uns hinein geguckt und außerdem den Laternenstab entfernt.
Letzteres war den Vögeln offenbar nicht recht, und so sind sie reingekommen, um sich ihre Futterrationen selber zu holen. Ich kam jedenfalls mittags in die Küche, und eine Meise hüpfte auf dem Küchentisch herum. Ich fragte sie, was sie denn da mache, und sie tschilpte, hüpfte auf das gekippte Fenster, guckte mich an, tschilpte mir noch etwas zu und flog wieder raus.
Am nächsten Tag das Gleiche: kleine Meise auf Küchentisch, antwortet auf Anrede mit Tschilpen und hüpft aufs gekippte Fenster. Und auf dem Küchentisch hatte sie Muttis selbstgebackenen Sandkuchen aus der Alufolie ausgepackt und einen guten Teil vom Rand abgepickt.
Wenn die Meisen keine Knödel haben, sollen die Meisen doch Kuchen essen!

wieder da

Nach dem letzten Blogeintrag brachen zehn Tage voller Glück und Glücksfälle über mich hinein; ich weiß gar nicht, wo ich mich zuerst freuen soll.

Da außerdem mein Internet zu Hause nicht funktioniert (das fällt nicht unter die Glücksfälle im engeren Sinne, aber gerade auch nicht sehr ins Gewicht), komme ich überhaupt nicht zum Bloggen. Aber jetzt vielleicht mal wieder. Ich geb mir Mühe.
Und freu mich einfach weiter.

Freitag, 4. Juli 2008

Die Zeit heilt alle Wunden, es geht vorbei

"Sein Vater ist seit 30 Jahren tot, und er vermisst ihn immer noch", sagte die Frau in dem Film über den Mann auf dem Sofa, "er war die wichtigste Person in seinem Leben." Und sie gucken ein wenig konsterniert, gucken wie "rührend irgendwie, das mit dem Vermissen, aber hey, 30 Jahre".
Ich habe keine Ahung, worum es ging, wer die Figuren waren und welche Schauspieler sie darstellten. Aber gehalten hat sich mein Unverständnis angesichts des Unverständnisses der Frau, angesichts des betonten "immer noch".
Der wichtigste Mensch ist keine Kategorie, die ich besonders mag, so wie ich auch das Bibelwort "Darum wird ein Mann seine Mutter und seinen Vater verlassen, und seinem Weib anhangen" nicht mag. Ich will mich nicht entscheiden müssen, wer wichtiger ist, der Ehemann oder die Eltern, der Vater oder die Mutter (und wir hatten uns als Kinder schaudernd überlegt, wie wir entscheiden würden, müssten wir entscheiden, zu wem würdest DU gehen, wenn Mutti und Papi sich scheiden ließen?, aber wir waren sicher, dass sie es nicht tun würden, dass wir es durchspielen könnten, weil es Spiel bliebe; bei den Überlegungen, wie ich meinen Bart tragen würde, wäre ich ein Mann und bekäme ich einen, habe ich das Hypothetische der Prämisse mal vergessen, bei diesem Beraten und Abwägen vergaßen wir es nie), nein, nicht entscheiden, ob Vater oder Mutter, nicht welcher der Brüder, nicht ob die Tochter, die Mutter oder die Großmutter mehr zu lieben sei.
Ich glaube, meine Mimi hat ihre älteste Tochter ihr Leben lang vermisst, und sie wird auch ihre Mutter vermisst haben, auch nach 25 Jahren noch. Und ich weiß, dass ihre zweite Tochter, die älteste der lebenden und meine Mutter, sie vermisst, und auch ich vermisse sie. Wir reagieren inzwischen seltener falsch, ich wähle zum Beispiel nicht mehr ihre Nummer, wenn ich traurig bin, und muss dann nach drei oder vier Zahlen auflegen, wenn ich es merke, und ich will auch nicht mehr ihrer Freundin sagen, was sie ihr erzählen soll, weil ja vielleicht wenigstens sie noch Kontakt hat. Trotzdem bin ich der Mann auf dem Sofa, und ich tropfe auch nach 6 Jahren noch auf den Schreibtisch und wusste den ganzen Tag nicht, was schreiben und was zu Mutti sagen, obwohl wir fast eine Stunde telefoniert haben und ich wusste, dass der vierte Juli war.
In der Nacht, als sie starb, kam erst der Anruf, sie habe einen Herzinfarkt, sie sei im Krankhaus, und die Stimme meines Vaters, und dass es mein Vater war, und um diese Zeit. Ich habe im Bett gesessen und den winzigen Holzengel angeschaut, ein kleiner, flacher Engel im weißen Hemd, an einem Band mit Glöckchen, ich glaube nicht an Engel, auch nicht an hölzerne, aber sie hatte ihn mir geschenkt, den Engel, an einem Weihnachtsgeschenk hängend, nun hing er an meinem Bett und ich habe ihn angeschaut, fest, und immer wiederholt: nicht, nicht, nicht, nicht. Bitte nicht, bitte, bitte, bitte nicht. Er hat es nicht geschafft, sie hat es nicht geschafft.
Es ist sechs Jahre her, und gestern Nacht sprang mich der Schmerz wieder genauso an, direkt in den Hals, und natürlich vermissen wir sie, was sollen wir denn sonst tun.
Ein paar Monate später kam Percanto nach Deutschland, dann sind wir umgezogen. Das Engelchen hängt noch immer an meinem, an unserem Bett, und ihre letzte Postkarte steht dort, wir konnten nicht wissen, dass es die letzte Postkarte sein würde, und untypischerweise zeigt auch sie Engel. Sie steht seit 6 Jahren dort, und irgendwann habe ich gemerkt, dass der Teil, der über die wechselnden Bücher ragt, ausgeblichen ist vom Tageslicht, die Schrift fast vollständig verschwunden, nur an den Enden der Wörter waren noch Punkte zu sehen, wo sich die Tinte gesammelt hatte. Ich weiß, was dort stand, wenn man die Karte schräg halt, konnte man es erraten, also habe ich es abgeschrieben auf einen Klebezettel und ihn über die obere Hälfte geklebt, als Lichtschutz. Ich hätte die Karte rahmen sollen, spätestens dann. Ich hätte den Text hinten auf den Rahmen schreiben sollen. Ich hätte die verbliebenen Wörter vor dem Licht schützen sollen. Aber ich konnte mich nicht auch noch vom unteren Teil trennen, von ihrer Handschrift, ihrem Namen, Alles Liebe Deine Mimi.
Darum sind nun auch die letzten vier Zeilen bleich und fast verschwunden, aber ich konnte sie nicht wegsperren und schon jetzt vermisse ich auch sie.

Donnerstag, 26. Juni 2008

Federvogel

Ein Wochenende auf dem Land. Friederike, 3, nimmt mich an die Hand und wir suchen gruselige Tiere mit wenigen Beinen. Im kleinen Steinbruch findet Friederike eine Feder, die sie mir nach kurzem Nachdenken gibt.
"Die Feder ist mein Geschenk für Dich.
Wenn Du zu Hause bist, musst Du sie in ein Glas mit Wasser stellen. Dann wird daraus ein Vogel. Den Vogel musst Du in ein Nest setzen, und wenn er groß geworden ist, musst Du ihn wieder fliegen lassen.
Die Feder schenke ich Dir. Aber nicht vergessen: Du musst sie zu Hause in ein Glas mit Wasser stellen!"





Versprochen.

Donnerstag, 19. Juni 2008

Über allen Wipfel-Gipfeln...


... sagte ich.

isabo: @percanta Auf allen Bergen stillgestanden!

Merlix: Warte nur balde zipfelst du auch.

isabo: "Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein."

percanta: "Stille ist im Pavillon aus Jade. Krähen fliegen Stumm zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht."

percanta: Himpelchen und Pimpelchen, die wohnten in einem Berg. Warte nur balde, Waldvögelein, und Pimpelchen war ein Zwerg.

giardino: @percanta Nachtigalls Wandlied?

Merlix: @percanta Bald ist es vorbei, Samurai.

percanta: @giardino und wie. Und bald! "Nächtliches Vagabundenlied", D > ES > D.

Merlix: Die Vögelein liegen auf Halde.

isabo: Sie blieben da oben lange sitzen / und wackelten mit ihren Wipfelmützen. // Der Rest ist Schweigen.

percanta: En la hoja del árbol/ apenas leve aliento/ tiembla fugaz./ im Blatt vom Baum/ kaum leichter Atem/ zittert flüchtig.

percanta: Von drauß vom Walde kommt er her/ er atmet kaum, er ruht bald sehr/ es ist ein weites Feld.


[Mitspielen!]

Montag, 16. Juni 2008

Vielfüßler

Ein Wochenende auf dem Land. Friederike, 3, nimmt mich an die Hand, "komm, ich zeig Dir mal die Pferde, ja?"
Die Pferde sind zwei Stuten mit Fohlen, eins noch ganz klein, es liegt neben seiner Mutter im Stroh und schläft.
Friederike ist an der Wand der Box hochgeklettert, ich halte sie fest und wir gucken uns Mutter und Kind an, reden über Namen von Tierkindern. "Weißt Du, wie das Fohlen wieder aufsteht?", fragt sie mich dann, "das ist nämlich so: Erst kommen die hinteren Beine, dann kommen die rechten Beine, dann kommen die unteren Beine, dann kommen die anderen Beine, und am Ende kommen die vorderen Beine. Und dann steht es."

Donnerstag, 12. Juni 2008

Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein

Liebe Wörter, liebe Buchstaben, liebe Satzzeichen, es wäre dann an der Zeit, sich zu entscheiden. Will noch jemand mit? Wenn ja, an welche Stelle? Das muss jetzt bitte etwas flotter gehen mit der Platzwahl. Woanders sitzen? Noch gehts, tauschen Sie, gerne, aber passen Sie bloß auf, dass dabei nichts durcheinander gerät. Nein, die Seitenzahl dürfen Sie nicht mitnehmen, die lassen wir hier. Und lassen Sie das Figurengedicht los, das steht ganz gut so, wie es jetzt ist. Sie möchten lieber doch noch kursiv? Sehen Sie zu, aber achten Sie bitte darauf, dass es auch passt. Hat jeder seine Kapitelnummer? Alle Fußnoten an Bord? Könnten wir nochmal durchzählen?
Noch jemand aussteigen? Darf ich dann alle Rauten bitten, die Seiten zu verlassen? Die beieinanderstehenden Duplikate? Die gedoppelten Satzteile? Danke.
Bitte gehen Sie zügig, ohne zu hetzen. Wir schließen.

Dienstag, 10. Juni 2008

Rosen, Gerbera und Nelken

Was man ja auch leicht unterschätzt, ist, wie viele Vasen man in der Endphase so einer Doktorarbeit braucht.
Ihr seid alle toll und total verrückt. Ich habe noch nicht mal abgegeben!
Danke, Danke, Danke.

Samstag, 7. Juni 2008

Der Prototyp von fertig

Zwar bin ich schon mit wundervollen Blumen überschüttet worden, aber das war nur die Abgabe des Dissertations-Prototypen, und ich bin nur der Prototyp von fertig. Jetzt schreibe ich das Schlusskapitel nochmal neu. Bis Montag Abend. Und dann nochmal: Fußnoten, Tippfehler, Verweise kontrollieren, Tippfehler, Seiten aus Anhang vorne anpassen, Tippfehler, Einrücken, Inhaltsverzeichnis. Und Donnerstag/ Freitag drucken, binden, abgeben.
Ich hab letzte Nacht geschlafen, müsste also gehen.

Merlix sagt:

Löwe (23.07. bis 22.08.)

Immer noch im Duracell-Modus, sie kleiner Trommel-Hase, sehr schön. Holzen Sie noch schnell was weg, allzu lange können Sie in dem Tempo nicht mehr weitermachen, die anderen Lebensbereiche gären schon vor sich hin und immer nur Leistung kann ja auch kein Leben sein, es sei denn, man wäre Steinbock. Immer an das alte Löwen-Motto denken: „Keine Leistung ohne Lob!“ Wenn Sie keiner lobt, organisieren Sie sich eben jemanden. Dringend.