Freitag, 20. August 2010

Lesen

Und zwar vor.
Auf einmal werde ich gebucht, und zwar für gleich mehrere Lesungen nacheinander. Einige Argentinier kommen bald wegen der Buchmesse nach Deutschland, werden herumgereicht, und irgendwann setze ich mich mit ihnen in diversen Städten auf eine Bühne und erzähle etwas über sie und dann lesen sie und wir unterhalten uns darüber, was ich dann wiederum dem Publikum übersetze. Ich freu mich, es sind alles gute Autoren an schönen Orten, und ich musste nicht mal für mich werben. Ich freu mich sogar sehr.
Heute telefonierte mit der Organisatorin der einen Lesung, sie fragte, ob wir eigentlich schon ein Honorar vereinbart hätten. Ja, meinte ich, und nannte die Summe, die sie mir ursprünglich angeboten hatte. Sie schwieg einen Moment und ich war schon kurz verunsichert, dann sagte sie: "Nein, eigentlich sollen Sie 100 Euro mehr bekommen."
Gut, hochhandeln lasse ich mich gerne.
Was ist eigentlich gerade los?
*
Bei Lesungen ausländischer Autoren sitzen meist etwas mehr Leute auf der Bühne, der Autor selbst, daneben jemand wie ich, der dolmetscht und moderiert - das können natürlich auch zwei verschiedene Personen sein -, und dann wird manchmal noch jemand Drittes bzw. Viertes gebucht, der die deutschen Texte liest. Der Autor liest das Original, und irgendjemand die Übersetzung. Für einen der anstehenden Abende wurde ich gefragt, ob ich dafür jemanden empfehlen könne, bevorzugt einen Schauspieler. Nun liest man ja nicht ohne Nachhall über Übersetzer und ihre Arbeit und hat auch seine eigenen Erfahrungen als Übersetzer nicht umsonst gemacht und erinnert gut das Gefühl, wenn der eigene Autor nach Deutschland eingeladen wird und irgendjemand, der gut sprechen kann, seine Texte auf Deutsch lesen soll - seine Texte, die auf Deutsch ja die des Übersetzers sind. Keiner kennt die deutsche Version so gut wie der Übersetzer, logisch, und kaum einer kennt auch das Original so gut wie er. Und manche Übersetzer können sicher auch lesen, einzelne sogar vor. Und wenn man noch weiter gehen wollte, könnten sie sicher auch im Gespräch Spannendes beisteuern.
Die Organisatorin stimmte sofort zu, das sehe sie genauso, außerdem seien die Übersetzer im Literaturbetrieb grundsätzlich unterrepräsentiert. Nur sprengt es in diesem Fall wohl das Budget, den nicht ortsansässigen Übersetzer auch noch anreisen zu lassen. Aber vielleicht kann man, ohne Schauspieler arbeitslos machen zu wollen, den Gedanken ja langsam weiterverbreiten: Wer den Text geschrieben hat, könnte ihn eigentlich auch vorlesen.

Kommentare:

  1. Wenn - was ja hier nicht der Fall ist - der Veranstalter eine Buchhandlung ist, gibt es noch ein Argument für die Übersetzer, sie können nämlich etwas, was ein Autor nicht kann: hemmungslos von dem vorgestellten Buch schwärmen. Wenn der Übersetzer das Buch liebt, verkauft es sich leichter, als wenn der Autor sagt, er sei ein toller Hecht.

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  2. Schöner Beitrag, und meinen Glückwunsch!

    Eine Sternstunde war für mich vor vielen Jahren eine gemeinsame Lesung von Bernard MacLaverty und seinem Übersetzer ins Deutsche, Hans-Christian Oeser. Das Wechselspiel der beiden Texte, der beiden Männer hat mir als Studentin die Augen geöffnet, was Übersetzen sein kann …

    Manchmal sind die Autoren ja auch schon tot, und sie dann aus dem Munde des Übersetzer zu Leben erwachen zu hören – wie im Falle des Ulysses, den ich aus dem Munde Hans Wollschlägers hören durfte – rechtfertigt eine Lesung mit dem Übersetzer allemal!

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  3. Was gerade los ist? Du bekommst den Lohn für Deine Arbeit. Das hast Du Dir verdient!!!

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